Jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit habe, über die Lehre des Gottes Wort zu predigen, besteht die Gefahr, dass ich sehr lange predige. Vielleicht fühlst du dich als Zuhörer dann auch so, als würdest du aus einem voll aufgedrehten Feuerwehrschlauch trinken. Das liegt daran, dass Gottes Wort meine Leidenschaft ist. Ich liebe die Wahrheit, ich lebe für die Wahrheit, ich verkündige die Wahrheit. Nichts ist so wichtig wie die Wahrheit Gottes, die in der Schrift offenbart ist. Letzten Sonntagabend begannen wir, über die großartige Lehre der Schrift zu sprechen. Ich weiß noch nicht genau, wie viele Abende lang wir das noch weiter tun werden, aber es werden einige sein.
Heute Abend möchte ich mit einer bekannten Aussage beginnen, die dreimal in der Bibel vorkommt. Einmal in 5. Mose 8, einmal in Matthäus 4 und ein drittes Mal in Lukas 4. Es ist die Aussage: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht!“ Von welcher Art Leben ist hier die Rede? Hier ist das gesamte Leben gemeint, sowohl das geistliche als auch das irdisch-physische Leben.
Jede Annahme, jede Haltung, jede Handlung, kurz alles im Leben muss im Licht des Wortes Gottes verstanden werden. Unser geistliches Leben bestimmt unser physisches Leben. Und als Gläubige ist uns klar, dass dieses geistliche Leben einzig und allein durch Gottes Wort genährt wird. Die Bibel macht uns immer wieder deutlich, dass für Gläubige die Schrift die einzige Seelennahrung ist. In Psalm 1 lesen wir: „Wohl dem, der nicht wandelt nach dem Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz nachsinnt Tag und Nacht.“
Psalm 19 sagt über die Schrift, dass sie begehrenswerter als Gold und viel Feingold ist, süßer als Honig und Honigseim. Wir werden darin aufgefordert, dass die Worte unseres Mundes und das Sinnen unseres Herzens wohlgefällig sein sollen „vor dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser!“ Das bedeutet, dass die Worte und das Sinnen deines Herzens Gott wohlgefällig sind, wenn sie mit seinem Wort übereinstimmen. Josua 1,8 macht deutlich: „Lass dieses Buch des Gesetzes nicht von deinem Mund weichen, sondern forsche darin Tag und Nacht, damit du darauf achtest, alles zu befolgen, was darin geschrieben steht; denn dann wirst du Gelingen haben auf deinen Wegen, und dann wirst du weise handeln!“ Das ganze Leben hängt von Gottes Wort ab. Es ist unsere einzige Nahrung für die Seele.
In Psalm 40,9 heißt es: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, begehre ich“, Warum? … denn „dein Gesetz ist in meinem Herzen.“ Das Herz verpflichtet sich dem Gesetz Gottes. Schlagt kurz Psalm 119 auf. Er hat 176 Verse, von denen ich ein paar herausgreifen und betrachten möchte. Psalm 119 knüpft an Psalm 1 an und beginnt sehr ähnlich wie dieser: „Wohl denen, die im Weg untadelig sind, die wandeln nach dem Gesetz des HERRN! Wohl denen, die seine Zeugnisse bewahren, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auch kein Unrecht tun, die auf seinen Wegen gehen! Du hast deine Befehle gegeben, dass man sie eifrig befolge. O dass meine Wege dahin zielten, deine Anweisungen zu halten!“
Das ist echter Hunger. Das ist der Herzensschrei eines Gotteskindes, weil Gottes Gesetz in seinem Herzen ist. Vers 15 sagt: „Ich will über deine Befehle nachsinnen und auf deine Pfade achten.“ Vers 16: „Ich habe meine Lust an deinen Anweisungen; dein Wort vergesse ich nicht.“ Vers 27: „Lass mich verstehen den Weg deiner Vorschriften. Sinnen will ich über deine Wunder.“ Vers 33: „Lehre mich, HERR, den Weg deiner Anweisungen, dass ich ihn einhalte bis ans Ende.“ Vers 35: „Lass mich wandeln auf dem Pfad deiner Gebote, denn ich habe Lust an ihm.“ Vers 40: „Siehe, ich sehne mich nach deinen Befehlen; belebe mich durch deine Gerechtigkeit!“
Auch Vers 72 beschreibt den Hunger im Herzen eines Gotteskindes: „Das Gesetz, das aus deinem Mund kommt, ist besser für mich als Tausende von Gold- und Silberstücken.“ Vers 97: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Ich sinne darüber nach den ganzen Tag.“ Vers 113: „Ich hasse, die geteilten Herzens sind; aber dein Gesetz habe ich lieb.“ Vers 131: „Ich tue meinen Mund weit auf und lechze, denn mich verlangt nach deinen Geboten.“ Vers 161 bis 165: „Fürsten verfolgen mich ohne Ursache; aber vor deinem Wort fürchtet sich mein Herz. Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute findet. Ich hasse die Lüge und verabscheue sie; dein Gesetz aber habe ich lieb. Ich lobe dich siebenmal am Tag wegen der Bestimmungen deiner Gerechtigkeit. Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben.“ Und Vers 167: „Meine Seele bewahrt deine Zeugnisse und liebt sie sehr.“
All diese Verse drücken die tiefe Liebe eines Gotteskindes zu Gottes Wort aus. Hier spricht kein perfekter Mensch, endet doch der Psalm in Vers 176 mit dem Bekenntnis: „Ich bin in die Irre gegangen wie ein verlorenes Schaf; suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen.“ Ich erinnere mich an sie. Ich liebe sie. Ich sehne mich nach ihnen. Ich hungere nach ihnen. Aber ich befolge sie nicht immer. Auf den wahren Gläubigen trifft zu, dass er Gottes Wort liebt. Ein echter Christ liebt Gottes Wort. Im Neuen Testament wird das immer wieder deutlich in den Worten unseres Herrn. Zum Beispiel sagt er in Johannes 8,31: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt“, wenn ihr euren Platz, euren Ruheort in meinem Wort findet, „so seid ihr wahrhaftig meine Jünger“. Dann seid ihr echte Jünger.
Echte, wahrhaftige Jünger, mathētēs alēthōs, leben im Wort und bleiben im Wort, weil es ihre einzige geistliche Nahrung ist. In Johannes 14,15 sagt Jesus: „Liebt ihr mich, so haltet meine Gebote!“ Ein echter Jünger liebt also Gottes Gesetz nicht nur, sondern gehorcht ihm auch voller Eifer und mit freudigem Herzen. In 1. Johannes 5 heißt es: „Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der aus Ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.“ Woran erkennt man ein Kind Gottes? Ein Kind Gottes liebt Gottes Gebote und befolgt Gottes Gebote.
Das ist ein starker Kontrast zu 2. Thessalonicher 2,10. Dort steht, dass es Menschen gibt, „die verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, durch die sie hätten gerettet werden können.“ Gerettet zu sein bedeutet also, die Wahrheit zu lieben. Darum sind im Umkehrschluss Menschen verdammt, weil sie die Wahrheit nicht lieben. Petrus sagt in 1. Petrus 2,1-3, dass wir sind wie Säuglinge, „begierig nach der unverfälschten Milch des Wortes“, so wie ein Säugling begierig nach Milch ist. Säuglinge haben nicht Appetit auf unterschiedliche Dinge. Alles, was ein Baby will, ist Milch, Milch, und nochmal Milch. Es will keine Abwechslung. Es will Milch. Und wir sind genauso.
Wahre Gläubige wissen, dass allein Gottes Wort sie am Leben erhält. Sie wissen, dass Gottes Wort sie stärkt und ihnen Segen schenkt, und Freude, Kraft und Leistungsfähigkeit. In Johannes 6 wird berichtet, wie eine Gruppe von Jüngern Jesus verließ, nachdem er einige harte Dinge gesagt hatte. Jesus sah die Übriggebliebenen an und fragte: „Wollt ihr nicht auch weggehen?” Petrus gab stellvertretend für alle die großartige Antwort: „Zu wem sollten wir gehen? Du“ – und nur du allein – „hast Worte ewigen Lebens.“ Wir finden unser Leben in Gottes Wort; es wird sogar so genannt: Wort des Lebens. Wer geistlich lebendig ist, liebt das Wort. Er liebt es, sich vom Wort zu ernähren. Er hungert nach Gottes Wort, weil nur dieses Wort die Wahrheit enthält, die wirklich satt macht. Gleichgültigkeit gegenüber der Schrift ist kein Kennzeichen der Errettung oder der Wiedergeburt. Sondern Gleichgültigkeit gegenüber der Schrift ist ein Kennzeichen des geistlichen Todes. Ich bin davon überzeugt, dass in jeder Generation, die wahre Gemeinde Gottes einen tiefen Hunger nach der Wahrheit hat. Jene, die wirklich erlöst sind, wollen mit dem Wort genährt werden. Sie wollen das Wort gelehrt und gepredigt bekommen. Sie verlangen danach, dass man ihnen das Wort in seiner ganzen Fülle und Tiefe erklärt. Aber die meisten christlichen Berühmtheiten sind nicht daran interessiert, das Wort Gottes gründlich zu studieren und sich den hebräischen und griechischen Urtext mühevoll zu erarbeiten. Sie wollen sich auch nicht fleißig durch die analogia scriptura durcharbeiten, um den reichen Schatz der Analogie der Schrift zu heben, und wie sie sich über die 66 Bücher hinweg selbst erklärt und auslegt.
Vor einigen Jahrzehnten beschrieb Jim Packer den Zustand des Evangelikalismus sehr treffend so, wie es meiner Meinung nach auch heute noch der Fall ist. Seither hat sich nicht viel geändert. Im Vorwort zu einem Nachdruck von Richard Baxters Christian Directory (Christlicher Leitfaden) sagte Packer über die evangelikale Bewegung folgendes: „Alles, was die Welt sieht, wenn sie religiöses Fernsehen sieht oder sogenannte evangelikale Gemeinschaften beobachtet, ist simple egozentrische, verrückte, entartete und halbmagische Zauberei.“ Das sind ziemlich harte Worte für einen Anglikaner.
Weiter schrieb er: „Es gibt unzählige Selbsthilfebücher für glückliche Familien, ein erfülltes Sexualleben, finanziellen Erfolg auf christliche Art und Weise, den Umgang mit Trauer, Lebensübergängen, Krisen, Ängsten, frustrierenden Beziehungen und vieles mehr. Und all diese Ratgeber liefern uns einfache Rezepte, denen man nur folgen muss, wie beim Malen nach Zahlen.“ Dem stellte er im Vergleich das Werk des Puritaners Richard Baxters gegenüber, das über eine Million Wörter umfasst und das die Schrift auf das Leben als Christ anwendet. Er fährt fort und schreibt: „Baxters Werk ist ein herausragendes Beispiel für kluge, bibelbasierte und theologisch durchdachte Weisheit. Es besitzt eine unfehlbare, ungetrübte Klarheit, die unseren Verstand regelrecht blendet.“
Wo findet man heutzutage noch Lehre, die den Verstand blendet? Wo gibt es noch äußerst präzise Bibelauslegung, die klug ist, herausfordernd, theologisch tiefgründig, gesund, durchdacht und klar in ihrer Wahrheit? R.C. Sproul sagte in einer Ausgabe der Zeitschrift Table Talk, dass unsere Kultur von stolzer Mittelmäßigkeit durchdrungen ist. Wir sind mittelmäßig und stolz darauf. Es gibt zwar in Wissenschaft, Technik und Forschung noch einige fleißige Denker und kluge Köpfe. Es gibt noch Menschen, die sich mit großer Ausdauer und Hingabe sehr anspruchsvollen Aufgaben und Problemen widmen. Diese suchen mühsam, Schritt für Schritt, nach Lösungen. Aber sie werden immer mehr zur Ausnahme.
Unser Bildungssystem bringt solche Menschen kaum noch hervor, weil unsere Kultur Bildung neu definiert hat. Und so gibt sich unsere Gesellschaft mit dem zufrieden, was schnell geht und wenig kostet. Sei es seichte Musik, banale Kunst, oberflächliche Literatur oder stark vereinfachtes Denken. Unsere Kultur lässt sich viel zu leicht unterhalten und zufriedenstellen. Frühere Tugenden wie Exzellenz, Wahrheit und Schönheit wurden durch witzig, cool und süß ersetzt. Wir bekommen Mittelmaß im Überfluss, weil wir es so wollen. Dabei konsumieren wir es nicht nur, sondern wir gieren regelrecht danach. Und die Gemeinde passt sich dieser Kultur an.
Ihr wollt Mittelmaß? Wir machen das und liefern euch evangelikales Mittelmaß. Wir schaffen das Übernatürliche ab. Wir streichen das Biblische. Wir entfernen die Theologie. Wir schmälern die tiefe, anspruchsvolle Wahrheit der Schrift und füttern stattdessen die nach Mittelmaß hungernden Massen mit Mittelmaß. Und indem wir das tun, legitimieren wir die Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit, die unsere Kultur auszeichnen. So kommt es, dass manche Menschen nichts Tiefgründiges mehr ernst nehmen. Solche Menschen findet man nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in der Gemeinde.
Pastoren sind heute mehr darauf bedacht, witzig und cool zu sein und gut dazustehen. Sie setzen auf Cleverness, Kreativität und Stil, statt das Wort Gottes ernsthaft zu studieren und sich seinen Herausforderungen zu stellen. Es geht ihnen nicht darum, seine tiefen, herrlichen Wahrheiten verkündigen zu können. Sie denken nämlich, dass die Kultur braucht, was die Kultur will. Wie tief sind wir gesunken?
J.I. Packer schrieb in einem Vorwort zur Puritan Theology (Puritanische Theologie) folgendes: „Es lässt sich kaum leugnen, dass die Puritaner in den Bereichen am stärksten waren, in denen die heutigen evangelikalen Christen am schwächsten sind. Hier hatten wir es mit Männern von herausragender geistlicher Kraft zu tun. Ihre Denkgewohnheiten waren durch ernsthaftes Studium geschult und verbanden sich mit einem brennenden Eifer für Gott und einer äußerst genauen Kenntnis des menschlichen Herzens. Ihre Werke zeugen von dieser einzigartigen Verschmelzung von Begabungen und Gnadengaben. Wo die Puritaner Ordnung, Disziplin, Tiefgang und Gründlichkeit forderten, ist unsere heutige Haltung eher geprägt von Lässigkeit, Planlosigkeit und rastloser Ungeduld. Wir gieren nach Showeffekten, Neuheiten und Unterhaltung. Wir haben das Interesse an gründlichem Bibelstudium verloren, an demütiger Selbstprüfung, geistlicher Disziplin, Nachsinnen und unspektakulärer, harter Arbeit beim Studieren.
Wo für die Puritaner Gott und seine Ehre das Zentrum allen Denkens war, dreht sich heute alles um uns selbst, als wären wir der Mittelpunkt des Universums.“ Darum schreibt Packer weiter: „Bei Evangelisationen predigen wir das Evangelium ohne das Gesetz und verkünden den Glauben ohne Buße. Dabei betonen wir das Geschenk der Erlösung, ohne den Preis der Nachfolge zu thematisieren.“ Es ist kein Wunder, dass so viele „angeblich Bekehrte“ abfallen. Weiter schreibt er: „Und dann stellen wir das christliche Leben lieber als einen Weg voller aufregender Gefühle dar als einen Weg des tätigen Glaubens. Wir präsentieren lieber einen Weg der übernatürlichen Erlebnisse, statt der vernunftgeleiteten Gerechtigkeit.
Wenn wir über das christliche Leben sprechen, betonen wir ständig Freude, Frieden, Glück, Zufriedenheit und Ruhe. Aber wir gleichen das nicht aus durch einen Hinweis auf die göttliche Unzufriedenheit in Römer 7, den Glaubenskampf in Psalm 73 oder die Last der Verantwortung und die gottgewollte Züchtigung, die zum Leben eines Gotteskindes dazugehören. Die spontane Fröhlichkeit eines unbekümmerten Extrovertierten wird mit einem gesunden christlichen Leben gleichgesetzt. Fröhliche Extrovertierte in unseren Gemeinden werden darin bestärkt, sich mit fleischlicher Oberflächlichkeit zufriedenzugeben. Gleichzeitig geraten fromme Seelen mit weniger sanguinischem Temperament fast in Verzweiflung, weil sie nicht so vor Freude übersprudeln können, wie es scheinbar von ihnen erwartet wird.“ Zitatende.
Wir befinden uns heute in einer sehr schwierigen Lage. Es gibt Menschen, die sich Christen nennen und vorgeben, unsere Gesellschaft mit dem Evangelium erreichen zu wollen. Aber dabei wenden sie sich von Gottes Wort ab und liefern dieser Kultur genau das Mittelmaß, nach dem sie verlangt. Entweder sind das gar keine Christen, oder sie gehören zu den fleischlichsten unter den Christen. Es ist eine Sache, als fleischlich gesinnter Mensch trotzdem das Wort Gottes zu studieren. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn die eigene Fleischlichkeit dazu führt, dass man die Bibel beiseiteschiebt. Ich sehe diese Entwicklung tatsächlich als Gericht Gottes an.
Erinnerst du dich an Römer 1? Dort steht, dass Gott Menschen auch dadurch richtet, dass er sie in ihre selbstgewählten Sünden dahingibt und sie mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben lässt. Römer 1 wiederholt dreimal: „Gott hat sie dahingegeben, hat sie dahingegeben, hat sie dahingegeben.“ Sie wollten weder sein Wort noch seine Wahrheit. Also überließ Gott sie ihren selbstgewählten Wegen. Der Zorn Gottes zeigt sich darin, dass er Menschen sich selbst überlässt. Wenn Menschen Gottes Wort ablehnen, dann wird Gott sie den unvermeidlichen Folgen dieser Ablehnung überlassen.
Ein treffendes Bild für dieses Gericht findet sich in Amos 8. Amos war eigentlich nur ein unbedeutender Hirte aus Tekoa. Doch er wurde ein großartiger Prophet, weil Gott ihn rief und ihm eine wunderbare Offenbarung schenkte. In Amos 8,11-12 ist der entscheidenden Teil seiner Botschaft an Israel: „Siehe, es kommen Tage, spricht GOTT, der Herr, da werde ich einen Hunger ins Land senden; nicht einen Hunger nach Brot, noch einen Durst nach Wasser, sondern danach, das Wort des HERRN zu hören. Da wird man hin und her wanken von einem Meer zum anderen“ – vom Toten Meer über den See Genezareth bis hin zum Mittelmeer – „und umherziehen vom Norden bis zum Osten, um das Wort des HERRN zu suchen, und wird es doch nicht finden.“
Das ist brandaktuell. Sie haben Hunger nach dem Wort des Herrn. Sie suchen es und werden es doch nicht finden. So bringt Gott sein Gericht über Menschen, die sich weigerten, sein Wort zu hören, als es möglich war. Etwa 800 Jahre vor Christus lebte das Nordreich Israel in einer völlig unbegründeten trügerischen Selbstsicherheit. Die gesamte Prophezeiung von Amos handelt davon, dass die Moral am Boden war. Es gab keine Ehrlichkeit mehr und die Unterdrückung der Armen durch eine niederträchtige Oberschicht war an der Tagesordnung. Trotzdem war Geld im Überfluss vorhanden und Wohlstand weit verbreitet.
Gleichzeitig hielten sie an ihrem Gottesdienst fest. Wenn du aber wissen willst, was Gott von ihrer Anbetung hielt, dann lies Amos 5: „Ich hasse, ich verachte eure Feste und mag eure Festversammlungen nicht riechen! Wenn ihr mir auch euer Brandopfer und Speisopfer darbringt, so habe ich doch kein Wohlgefallen daran, und das Dankopfer von euren Mastkälbern schaue ich gar nicht an. Tue nur hinweg von mir den Lärm deiner Lieder, und dein Harfenspiel mag ich nicht hören!“ Gott macht hier sehr deutlich, dass er weder ihre Anbetung noch ihre Lieder mag. Auch ihre Opfer mag er nicht. Nichts von ihrem Gottesdienst gefällt ihm.
Das Volk Israel ließ sich von seinem Wohlstand täuschen und glaubte, dass Gott mit ihnen sei. Sie dachten, alles sei in Ordnung. Sünde und Ungerechtigkeit waren weit verbreitet, aber sie hielten an einer oberflächlichen Form der Religion fest, weil sie dachten, Gott sei auf ihrer Seite. Bis Gott gewissermaßen eine Bombe platzen ließ, und diese Bombe hatte einen Namen: Amos. Er stürmte als Unheilsprophet nach Samaria hinein und begann zu verkündigen: Gott wird euch richten, und zwar mit aller Macht und Härte.
In Amos 2,6 heißt es: „So spricht der HERR: Wegen drei und wegen vier Übertretungen von Israel werde ich es nicht abwenden“. In Kapitel 3,1: „Hört dieses Wort, das der HERR gegen euch gesprochen hat, ihr Kinder Israels, gegen das ganze Geschlecht, das ich aus dem Land Ägypten heraufgeführt habe! Es lautet so: Nur euch habe ich ersehen von allen Geschlechtern der Erde, darum will ich auch alle eure Missetaten an euch heimsuchen.“ Er sagt hier, dass ihre Privilegien ihr Gericht nur verschärfen. In Amos 4,12 ist es dasselbe: „Darum will ich so mit dir verfahren, Israel! Weil ich denn so mit dir verfahren will, so mache dich bereit, deinem Gott zu begegnen, Israel!“ Du wirst gleich von Angesicht zu Angesicht vor Gott, dem Richter, stehen. Dann folgt der sehr berühmte Satz: „Mache dich bereit, deinem Gott zu begegnen, Israel!“
Das gesamte Buch Amos kündigt das göttliche Gericht an. Die Prophezeiung erfüllte sich, als die Assyrer 722 v. Chr. kamen, das Nordreich zerstörten und seine Bewohner ins Exil führten. Aus dieser Gefangenschaft kehrte das Volk nie mehr zurück. Es war das Ende des Nordreiches. In Kapitel 5,27 sagt Amos: „Und ich will euch bis über Damaskus hinaus in die Gefangenschaft wegführen!, spricht der HERR — Gott der Heerscharen ist sein Name.“ Es ist vorbei. Es ist vorbei. Aber das Schlimmste wird sein, dass sie in der Zwischenzeit, während das Gericht ins Rollen kommt, ein großes Problem haben werden. Und das bringt uns zurück zu Kapitel 8, wo es heißt, dass sie unter einer Hungersnot leiden werden, aber nicht nach Brot oder Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn. Und sie werden überall umherirren und versuchen, ein Wort vom Herrn zu finden, aber sie werden es nicht finden.
Wie tragisch ist das! Aber es ist ein Gericht Gottes, wenn Gott sagt: Du wolltest nicht hören und jetzt werde ich nicht mehr zu dir sprechen. Das passierte damals, und es wird wieder passieren. Ich befürchte, dass eine Zeit kommen wird, in der Menschen die Wahrheit nicht mehr finden können, weil sie sie nicht hören wollten — genauso wie zur Zeit von Amos. In unserem Land konnte man zu Beginn seiner Geschichte großartige Predigten hören. Auch zur Zeit der Großen Erweckung und bis in die Neuzeit hinein wurde auf den Kanzeln noch beständig das Evangelium gepredigt. Aber es wurde nicht angenommen. Sondern es wurde von denen außerhalb des Reiches Gottes nicht geglaubt und sogar von einigen innerhalb des Reiches bekämpft und angegriffen. Darüber sprach ich letzte Woche.
Und irgendwann wird der, der nicht hören will, feststellen, dass das Wort des Herrn für ihn nicht länger so einfach zu finden ist. Gottes Wort war immer verfügbar, aber wenn Gott richtet, wird es nicht mehr verfügbar sein. Ich kann nicht für Gott sprechen und nicht genau sagen, wann er richten wird. Aber es zeigt sich heute schon in unserem Land, wo so viele Menschen behaupten, für Gott zu sprechen. Das macht es für einen Ungläubigen nahezu unmöglich, zu wissen, wer nun wirklich Gottes Sprecher ist. Und weil selbst diejenigen, die an Gottes Wort glauben, nicht mehr wagen, es auszusprechen, wird Gottes Wort in dieser Welt der Ungläubigen mehr und mehr zur Mangelware. Denn Gottes wahres Wort auszusprechen erregt Anstoß, deshalb halten viele es für eine schlechte Strategie.
Diese Gesellschaft will alles andere — außer die Schrift. Und die Gemeinde gibt sich scheinbar damit zufrieden, ihr alles außer der Schrift zu geben. Wer hingegen an der Autorität und der Priorität der gesunden Lehre der Schrift festhält, wer nüchtern, ernsthaft und fleißig die göttliche Offenbarung studiert und predigt, wird verspottet. Er wird von der Welt und der Kultur verhöhnt, und leider auch von vielen innerhalb der Gemeinde. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die wahren Gläubigen sich nach der Wahrheit sehnen und alles tun, um diejenigen zu finden, die sie ihnen vermitteln.
Das führt uns zu einer Frage, die ich heute Abend zumindest teilweise beantworten möchte: Wie kam es eigentlich dazu, dass wir der Bibel glauben? Warum kommst du Woche für Woche hierher, am Sonntagmorgen und Sonntagabend? Du gehst unter der Woche zum Hauskreis und zur Bibelstunde, besuchst Kurse und gehst zur Bibelschule, um die Schrift zu studieren. Ihr alle zusammen kauft Hunderttausende von christlichen Büchern und CDs. Du saugst Gottes Wort einfach immer weiter auf. Wie kamst du zu diesem Vertrauen? Bist du schlauer als alle anderen?
Gehören wir vielleicht zu der intellektuellen Elite der Welt? Oder lieferte uns jemand eine Begründung für die Wahrheit der Bibel, die so tiefgehend und unwiderlegbar war, dass wir glaubten? Wurden uns rationale Beweise für den Glauben an die Bibel vorgelegt? Sind wir die intelligentesten oder die am klarsten denkenden rationalen Menschen? Oder erhielten wir einfach nur die deutlichste, präziseste und beste Erklärung für die Wahrhaftigkeit der Bibel? Sind wir darum hier?
Ich denke nicht, dass es so ist. Wir sind die, von denen es heißt: „Da sind nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme.“ Wir sind die Geringen, die Unbedeutenden, die Niemande. Wir sind nicht die Elite der Welt. Doch wie bist du dann zu der Überzeugung gelangt, dass du von jedem einzelnen Wort lebst, das aus Gottes Mund hervorgeht? Warum bist du überhaupt in einer Gemeinde? Warum bist du in dieser Gemeinde und nicht in irgendeiner anderen, in der viel Unsinn getrieben wird? Warum kaufst du Studienbibeln, Kommentare, Andachtsbücher, Bibellesepläne und Bücher über die Bibel? Woher kommt dieses Vertrauen? Warum möchtest du Gottes Wort studieren? Warum ist es dir so wichtig, dass dir Gottes Wort erklärt wird?
Ich möchte dazu ein paar Kommentare von Männern aus der Vergangenheit vorlesen, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Martin Luther sagte: „Die Bibel kann nicht allein durch Studieren oder Begabung verstanden werden. Man muss sich auf den Einfluss des Heiligen Geistes verlassen.“ Zwingli, ein weiterer Reformator, schrieb: „Selbst, wenn du das Evangelium von Jesus Christus direkt von einem Apostel empfangen würdest, könntest du nicht danach handeln, es sei denn, dein himmlischer Vater lehrte dich.“
Auch Johannes Calvin vertrat die Ansicht, dass Gottes Wort geglaubt wird, wenn Gott das Herz erneuert. Er schrieb: „Das Zeugnis des Geistes ist erhabener als alle Vernunft.“ Das ist eine sehr wichtige Aussage. Das Zeugnis des Geistes steht über der Vernunft. Calvin fährt fort und sagt: „dieses Wort der Schrift wird im Herzen des Menschen nicht vollständig geglaubt, bis es durch das innere Zeugnis des Geistes besiegelt wird. Die Schrift trägt ihre Beglaubigung in sich selbst, daher ist es nicht angebracht, sie einer Beweisführung und Vernunftgründen zu unterwerfen, sondern schuldet die Gewissheit mit der wir die Schrift annehmen sollten allein dem Zeugnis des Heiligen Geistes.“ Das ist eine überaus tiefgründige, zutreffende Aussage.
Calvin schreibt weiter: „Mose und die Propheten bezeugten kühn und furchtlos, was tatsächlich wahr ist. Und zwar, dass es der Mund des Herrn war, der sprach. Derselbe Geist, der durch den Mund der Propheten gesprochen hat, der muss in unser Herz dringen, um uns die Gewissheit zu schenken, dass sie treulich verkündet haben, was ihnen von Gott aufgetragen war. Daher brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn viele an der Urheberschaft der Schrift zweifeln. Denn Gottes Majestät tritt in der Schrift deutlich hervor, und doch können nur die vom Heiligen Geist erleuchteten Augen erkennen, was eigentlich für alle sichtbar sein sollte, aber nur für die Auserwählten sichtbar ist.“
Wir können auf keinen Fall für die intellektuelle Elite der Welt gehalten werden. Denn um überhaupt ins Reich Gottes zu gelangen, muss man wie ein kleines Kind werden. Weder Vornehmheit, Macht, Weisheit und Klugheit gibt uns das Vertrauen in die Schrift. Schon Calvin sagte, dass es nicht die Vernunft ist, die das bewirkt. Sondern es ist das Zeugnis des Heiligen Geistes, das der Vernunft überlegen ist.
Ich glaube, dass die Bibel das Wort Gottes ist, genauso wie ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, genauso wie ich glaube, dass Gott der Gott der Schrift ist und eine heilige Dreieinheit. Und genauso glaube ich, dass die Erlösung allein aus Gnade durch den Glauben geschieht. Das alles glaube ich, weil Gott dieses Vertrauen in meinem Herzen gewirkt hat. Hält die Schrift dem Test der Vernunft stand? Ja absolut! Aber das ist nicht die Quelle meiner Überzeugung. Sondern meine Überzeugung entspringt dem inneren Zeugnis des Geistes an mein Herz. Der Geist bezeugt zusammen mit meinem Geist, dass ich ein Kind Gottes bin. Ebenso bezeugt der Geist zusammen mit meinem Geist, dass Gottes Wort tatsächlich wahr und zuverlässig ist.
In 1. Thessalonicher 1,4-5 spricht Paulus über seine eigene Verkündigung und die Offenbarung, die durch ihn von Gott kam: „Wir wissen ja, von Gott geliebte Brüder, um eure Auserwählung, denn unser Evangelium ist nicht nur im Wort zu euch gekommen, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit.“ Wie kommt es, dass manche Menschen das Evangelium hören, und es kommt in Kraft und im Heiligen Geist und in der Gewissheit, „dass ihr erwählt seid“, wie Paulus sagt? Das ist, weil Gott diese dazu auserwählt hatte, das Evangelium zu verstehen. In 1. Korinther 2,4-5 schreibt Paulus: „Und meine Rede und meine Verkündigung bestand nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft.“
Paulus war ein vorbildlicher Prediger. Seine Verkündigung war schlicht und einfach. Sie kam nicht in Worten menschlicher Weisheit. Er predigte Christus und ihn als Gekreuzigten. Seine Botschaft formulierte er sehr klar und direkt. Er passte seine Verkündigung nicht den gesellschaftlichen Trends an, um sie für die menschliche Vernunft annehmbar zu machen. Er sagt hier: Es geschah nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern der Geist erwies sich in Kraft. Obwohl meine Verkündigung direkt und einfach war, hatte sie gewaltige Auswirkungen. Das ist aber kein Beweis für meine rhetorischen Fähigkeiten, sondern ein großartiges Zeugnis für die Kraft des Heiligen Geistes. Dann sagt er: „Damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft.“ Es geht also beim Glauben nicht darum, dass die Argumentation so vernünftig und logisch war, sondern dass die Kraft Gottes so mächtig war.
Was man über die Verkündigung von Paulus sagen kann, betrifft die gesamte Offenbarung Gottes. Die gesamte Offenbarung ist Wahrheit. Die gesamte Offenbarung ist das wahre Wort Gottes. Die gesamte Offenbarung ist besteht den Test der Vernunft und der Geschichte und kann genau geprüft werden. Aber damit man darauf vertrauen kann, muss der Heilige Geist mächtig wirken. Wir glauben an Gottes Wort, weil der Heilige Geist uns dazu befähigt hat, über das hinauszugehen, was der Verstand uns jemals zeigen könnte.
Vor vielen Jahren sprach ich am Whittier College. Sie baten mich, an drei Abenden zu beweisen, dass die Bibel wahr ist. Ich war damals noch ziemlich jung und fand das toll. Ich glaubte, dass sie wahr war, und dachte, ich könnte einige Beweise dafür liefern. Also stellte ich eine lange Liste von Argumenten zusammen: Die Bibel ist wahr, weil sie in sich eine Einheit bildet und sich nirgends widerspricht. Die Bibel ist wahr, weil sie wissenschaftlich genau ist. Wenn sie sagt, dass Gott die Welt im Nichts aufhängt, dann ist das ziemlich aussagekräftig. Oder dass die Erde sich wie Siegelton verwandelt und sich um die eigene Achse dreht. So drückte man früher Siegel in weichen Ton.
Man kann viele wissenschaftliche Aspekte ansprechen. Die Bibel spricht über den Lauf der Sonne, die von einem Ende des Weltraums zum anderen zieht. Der gesamte Wasserkreislauf wird im Buch Jesaja dargestellt. Diese uns heute gut bekannten Dinge wurden in einer Zeit geschrieben, als die Wissenschaft noch eher primitiv war. Die Bibel ist wissenschaftlich genau und bezeugt so die Wahrhaftigkeit der Schrift. Ebenso sprach ich sehr ausführlich über ihre historische Genauigkeit und über archäologische Funde.
Ich sprach über Wunder. Wie sonst kann man die Wunder erklären, die von Hunderten und Tausenden von Menschen gesehen wurden? Es gibt keine andere Erklärung. Ich behandelte die übernatürlichen Ereignisse und das übernatürliche Wesen unseres Herrn. Ich ging durch die übernatürliche Beglaubigung im Leben unseres Herrn und im Leben der Apostel und ihrer Mitarbeiter, die die Schrift verfassten. Ich wies sogar auf die Person Jesu Christi hin. Der war so übernatürlich, dass niemand ihn je hätte erfinden können. All diese Beweise legte ich sehr sorgfältig dar und war ehrlich gesagt der Meinung, dass die Beweislage überwältigend war. Soweit ich weiß, wurde dadurch aber nicht ein einziger Student überzeugt.
Ich ging von dort weg und musste feststellen, dass hier etwas anderes vor sich ging: Es ging um viel mehr als nur um Vernunft. Damals begann ich zu begreifen, was in 1. Korinther 2,14 steht. Du kannst diesen Vers gerne aufschlagen. In 1. Korinther 2,14 wird dieses Problem auf den Punkt gebracht: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“ Das ist die Antwort. Es ist dem Menschen unmöglich.
Beweise allein reichen nicht aus. Menschliche Vernunft kann dich nicht dahin bringen. Der natürliche Mensch nimmt es nicht an, weil er es nicht kann. Er glaubt nicht, weil er nicht glauben kann. Hinter diesem „nicht können“ steckt eine bestimmte, tiefreichende Realität. Der Mensch ist unfähig, weil er natürlich ist und nicht geistlich. Er hat kein geistliches Wahrnehmungsvermögen. Aber da liegt noch eine wesentlich größere Unfähigkeit dahinter, die Paulus in 2. Korinther 4 aufzeigt. In Vers 3 sagt Paulus warum nicht alle Menschen dem gepredigten Evangelium glauben: „Wenn aber unser Evangelium verhüllt ist, so ist es bei denen verhüllt, die verlorengehen.“ Es ist bei denen verhüllt, die verlorengehen und auf die Hölle zusteuern.
Vers 4 beschreibt, bei wem das der Fall ist: „Bei den Ungläubigen, denen der Gott dieser Weltzeit die Sinne verblendet hat, sodass ihnen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus nicht aufleuchtet, welcher Gottes Ebenbild ist.“ Sie glauben nicht, weil sie nicht glauben können. Sie können es nicht, weil sie natürlich sind und nicht geistlich. Aber viel gravierender: Sie können es nicht, weil sie tot sind und nicht lebendig. Sie können es nicht, weil sie vom Gott dieser Weltzeit —von Satan— verblendet sind.
Aber das ist noch nicht alles. Geh zurück zu Matthäus 11,25 um zu sehen, wie schwerwiegend ihr Zustand und wie tief ihre Finsternis ist. Dort steht: „Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast!“ Das ist sehr deutlich! Es ist nicht nur der natürliche Zustand, der es einem Menschen unmöglich macht zu glauben. Es ist nicht nur die satanische Verblendung. Sondern hinzu kommt auch noch Gottes Gericht, nämlich, dass Gott selbst diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen hat.
Warum? Warum tut Gott so etwas? Die Antwort steht in Vers 26, wo Jesus zum Vater betet: „Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir.“ Das ist die einzig gültige Antwort. Bist du bereit, sie anzunehmen? Es gibt keine andere Antwort. Es geschieht so, weil Gott es so wollte. Es gefiel Gott, diese Dinge vor den Weisen und Klugen zu verbergen. Deshalb kommt man nicht einmal mit dem schärfsten Verstand und der größten Vernunft dahin. Wie kann es sein, dass Einstein als zweifellos einer der klügsten Menschen gilt, die je gelebt haben, und doch gelangte er nie zur Erkenntnis, dass es einen Gott geben muss? Wie konnte er nicht verstehen, dass es zutiefst vernünftig wäre anzunehmen, dass dieser Gott der Gott der Bibel ist?
Wie ist es möglich, dass unzählige Gelehrte die Bibel und das Alte Testament auf den Kopf stellen, das Leben Christi studieren, um nach dem historischen Jesus zu suchen? Hunderttausende von alttestamentlichen Gelehrten und Rabbinern lasen die Schrift. Aber sie erfassten es ebenso wenig wie all die neutestamentlichen Gelehrten und Lehrer an Universitäten, Predigerseminaren und theologischen Fakultäten. Und das, obwohl ihr Verstand unübertroffen ist.
Die Antwort lautet, dass der natürliche Mensch nicht dahin gelangen kann, es zu verstehen, weil es sich um eine ganz andere Dimension handelt. Die Finsternis des natürlichen Menschen wird durch satanische Verblendung noch verstärkt. Er wird so stark vom Reich der Ungerechtigkeit angezogen, dass er vor der Wahrheit davonläuft, die seine Sünde aufdeckt. Und dann kommt noch hinzu, dass Gott selbst Grenzen zieht, wem er die Wahrheit enthüllt. Er verbirgt sie vor den Weisen und Klugen und offenbart sie den Unmündigen. Das zeigte sich auch bei der Wahl der zwölf Apostel. Sie waren zwölf völlig unbedeutende Personen. Keiner von ihnen war ein Rabbi, keiner war ein Lehrer, keiner war Prediger, keiner war Synagogenvorsteher, keiner war ein Pharisäer, noch ein Sadduzäer oder Schriftgelehrter.
Gott ließ einfach die ganze Elite und alle Gelehrten außen vor. Wahrscheinlich waren sieben der Apostel Fischer. Sie waren einfache Männer und Handwerker. Ein anderer war als schäbiger Steuereintreiber sogar ein gesellschaftlicher Außenseiter. Warum tut Gott so etwas? Die Antwort finden wir in 1. Korinther 1,26: „Seht doch eure Berufung an, ihr Brüder! Da sind nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme; sondern das Törichte der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, damit sich vor ihm kein Fleisch rühme.“
Hör gut zu was der nächste Vers aussagt: „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus.“ Nur durch Gottes Wirken bist du zum Glauben an die Wahrheit der göttlichen Offenbarung gekommen. „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht worden ist zur Weisheit.“ Die einzige Ursache dafür, dass jemand die göttliche Weisheit annimmt, ist Gottes Wirken in seinem Herzen. Gottes Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung kommen von Gott, weil Gott beschloss, sie uns zu schenken. Und darum heißt es in Vers 31: Deshalb „Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn!” Man kann auf dem natürlichen Weg der menschlichen Vernunft nicht dorthin gelangen.
Deshalb kann man im Gespräch mit einem Ungläubigen alle möglichen Beweise und vernünftigen Argumente auftürmen, ohne dass es Auswirkungen hat. Aber obwohl die Wahrheit vernünftig und logisch nachvollziehbar ist, führt das diesen Menschen nicht zum Glauben. Jedes Mal, wenn ich diese Kanzel betrete, will ich für die Glaubwürdigkeit der Bibel argumentieren. Aber das tue ich nicht, indem ich eine Liste rationaler Beweise dafür aufzähle, dass die Bibel wahr ist. Sondern ich öffne einfach die Schrift, weil sie schärfer und mächtiger ist als jede andere Waffe. Die Schrift trägt ihre Kraft in sich selbst.
Ich möchte noch einmal an die großartige Stelle in Matthäus 11,25 erinnern. Dort heißt es: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast! Denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir.“ Achte auf den nächsten Vers: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden, und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater; und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will.“
Die einzigen Menschen, die das Evangelium glauben und glauben, dass die Bibel das Wort Gottes ist, sind diejenigen, die Gott auserwählt hat. Es sind die Menschen, denen Gott sich selbst offenbart hat und denen der Sohn den Vater offenbaren will. Das ist sehr selektiv. Und weil dies ein Geheimnis ist und wir nicht wissen, wer diese Menschen sind, folgt diese Einladung: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ Diese Einladung ist der Ausgleich zur Souveränität Gottes.
Schlag bitte Matthäus 13 auf. In Vers 11 hatten die Jünger Jesus gerade gefragt, warum er mit dem Volk in Gleichnissen redete. Ein Gleichnis ist nur eine Analogie, eine Veranschaulichung. Wenn man es nicht erklärt, dann wird es zum Rätsel. „Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu verstehen; jenen aber ist es nicht gegeben.“
Fühlst du dich jetzt privilegiert? Dass du heute hier sitzt, ist das direkte Ergebnis einer souveränen Entscheidung Gottes in der vorzeitlichen Ewigkeit, um dir seine Wahrheit zu offenbaren. In Vers 13 heißt es: „Jenen aber ist es nicht gegeben. Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen“. Jesaja hatte genau das schon angekündigt und Jesus verweist auf Jesaja 6, wo Gott zu Jesaja sagte: Geh und predige, aber wisse: Das Volk wird hören, aber nicht verstehen, es wird sehen, aber nicht erkennen. „‚Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und mit den Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie verschlossen, dass sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.‘ Aber glückselig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören! Denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben zu sehen begehrt, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“
Wir haben ein riesiges Vorrecht. Da rennen all diese Menschen umher, Rabbiner, Religionswissenschaftler, Gelehrte und Studenten und versuchen, Dinge zu verstehen. Menschen suchen in den verschiedensten philosophischen Richtungen nach Wahrheit und versuchen, Religion zu interpretieren. Und hier sind wir, ein Haufen von Unbedeutenden und Geringen. Und wir verstehen es, weil es uns laut Matthäus 13,11 gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu verstehen. Warum glauben wir der Bibel? Weil es uns gegeben wurde, ihr zu glauben.
Ein Mann, der mich schon vor vielen Jahren tief geprägt hat und es gelegentlich immer noch tut, wenn ich seine Schriften lese, ist Cornelius Van Til. Er war ein großer Apologet des christlichen Glaubens. Aber eine Prä-suppositionelle Apologetik. Seine Präsupposition, also seine Grundannahme war, dass die Bibel wahr ist. Van Til schrieb in seiner Einführung zu der Systematischen Theologie folgendes (Band 5, Seite 130 der englischen Ausgabe): „Die Menschen reden oft so, als würde der Sünder nur wahre Informationen brauchen. Aber das ist nicht der Fall. Zwar braucht der Mensch wahre Auslegung, aber er muss auch zu einem neuen Geschöpf gemacht werden. Sünde ist nicht nur Fehlinformation, sie ist auch die Macht der Perversion in der Seele.” Man kann dem Menschen nicht einfach nur die richtigen Informationen und die richtige Auslegung geben. Sondern er muss eine neue Schöpfung werden.
Van Til sagte weiter: „Der Christ weiß, dass er die Natur aufgrund der Sünde in ihm falsch deuten würde. Es sei denn, er wird von der Schrift erleuchtet und vom Heiligen Geist geleitet. Apologetik ist ein Kampf um höchste Autoritäten, also ein Kampf um unsere Grundannahmen oder die letztgültige Instanz.“ Ich möchte das für euch folgendermaßen herunterbrechen: Entweder glaubst du, dass der Mensch aus eigener Kraft zur Wahrheit des Wortes Gottes aufsteigen kann, oder du bist überzeugt davon, dass er es nicht kann. Wenn du glaubst, dass er das kann, hast du ein unbiblisches Menschenbild. Wenn du aber glaubst, dass er das nicht kann, dann weißt du, dass die Kraft nicht in Beweisen für den rationalen Verstand liegt, sondern in der Verkündigung des Wortes Gottes.
Die heutige Evangelisation ist nichts anderes als der Versuch, die Menschen mittels Klugheit, Vernunft und anderen manipulativen Methoden zu überzeugen. Dahinter liegt die Annahme, dass irgendwie im Herzen des Menschen die Fähigkeit vorhanden sei, aus seinem geistlichen Tod aufzuerstehen. Wenn man es ihm nur leicht genug machen würde, könnte der Mensch aus seiner gottgewirkten, richtenden geistlichen Blindheit erwachen um von sich aus zu glauben. Das ist absurd. Aber genau diese Vorstellung treibt einen Großteil der so genannten Evangelisation an. Der Widerstand des Sünders gegen die göttliche, heilige Wahrheit des Evangeliums entspringt nicht berechtigten intellektuellen Fragen über die Wahrheit oder Wahrhaftigkeit der Schrift. Der Widerstand kommt aus der Rebellion einer sündigen Seele. Er entsteht, weil der Mensch natürlich ist und selbst durch höchste Vernunft diese geistliche Wahrheit nicht erfassen kann.
Man darf den Sünder nicht glauben lassen, dass seine Vernunft der entscheidende Faktor für seine Rettung ist. Der Mensch ist nicht die letzte Instanz. Gott sagt, dass er die letzte Instanz sei. Seine Offenbarung entscheidet, was wahr ist, nicht die Vernunft des Menschen. Sünder haben jahrhundertelang ihre Vernunft auf die Bibel angewandt und haben dabei alle möglichen Irrlehren erfunden. Van Til schreibt: „Alle Menschen denken auf der Grundlage einer Position, die sie im Glauben angenommen haben. Und man glaubt entweder an Gott oder an sich selbst und an seine eigene Vernunft.“
Weil ich mein Vertrauen nicht auf menschliche Vernunft setze, predige ich nichts, das die menschliche Vernunft manipuliert. Ich predige Gottes Wort, weil ich auf seine Macht und sein Wort vertraue. Um die göttliche Wahrheit zu erkennen und die Bibel zu verstehen, muss der Sünder also zu Gott rufen. Der Sünder muss von der Wahrheit des Wortes Gottes überwältigt werden. Dazu muss er diese Informationen und ihre Auslegung erhalten. Wer daher etwas anderes als die Schrift predigt, verschwendet seine Zeit.
Wir werden durch das Wort der Wahrheit wiedergeboren. Aber der Mensch muss zu Gott rufen, damit dieser ihn rettet. Er muss zu Gott rufen, damit er ihm Leben schenkt, ihm die Scheuklappen abnimmt und den Feind überwältigt, der ihn verblendet hat. Er muss zu Gott rufen, damit Gott ans Licht bringt, was er selbst vor ihm verborgen hat. Der Sünder muss sich vor Gottes Thron niederwerfen und aus der Tiefe seiner angstvollen Seele rufen: „Gott, sei mir Sünder gnädig. Lass mich die Wahrheit erkennen.“ Das ist alles Gottes Werk. Augustinus sagte: „Ich glaube, um zu verstehen.“ Lasst uns beten.
Was können wir sagen, o Gott? Wir können nicht in Worte fassen, was unser Herz empfindet, wenn wir in deine Gegenwart kommen, um dir zu danken. Wir danken dir, dass du beschlossen hast, dich uns zu offenbaren. Dass du uns Liebe zu dir selbst geschenkt hast, Liebe zu deinem Sohn, Liebe zu deinem Wort und Liebe zueinander. Das alles ist nicht ein Beweis für unseren Scharfsinn, sondern für deine göttliche und übernatürliche erneuernde Kraft. Wir glauben und deshalb verstehen wir. Dein Wort erschließt sich uns, und wir stimmen ein in die Worte des Psalmisten. Wir freuen uns an deinem Gesetz. Wir sinnen Tag und Nacht darüber nach. Wir lieben dein Gesetz. Wir freuen uns und jubeln über deine Gebote. Wir hungern und dürsten nach deiner Wahrheit. Sie ist unsere einzige Nahrung der Seele.
O Gott, wir wissen, dass dein Volk in diesem Land und an vielen Orten auf der ganzen Welt Hunger leidet nach deinem Wort. Schenk deinem wahren Volk Lehrer, Prediger und Autoren, die es erreichen und die hungrigen Herzen nähren können. Möge diese törichte und mittelmäßige Gesellschaft beginnen, nach etwas Tiefem und Echten zu hungern. Möge deine Gemeinde durch deine Gnade und Güte verwandelt werden und wieder dazu zurückkehren, dein Wort in seiner ganzen Fülle und seinem ganzen Reichtum zu verkündigen. Wir bitten darum, dass du verherrlicht und geehrt wirst, und wir bitten im Namen Jesu. Amen.
ENDE
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