Unser Text für heute Morgen besteht aus einem einzigen, kurzen Vers, nämlich 1. Thessalonicher 5,20. Dort sagt der Apostel Paulus: „Die Weissagung verachtet nicht!“ Die Bibel ist in vielerlei Hinsicht ein verblüffendes Buch. Ihre erstaunlichen Eigenschaften können aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Ich möchte zu Beginn ein paar eigentümliche Herangehensweisen nennen. Vor einigen Jahren begann ein israelischer Geschäftsmann namens Ze-el Fetterman, sich mit dem Bericht von der Zerstörung von Sodom und Gomorra zu beschäftigen. Dabei las er in dem Bericht von 1. Mose, dass dort steht: „Und siehe, ein Rauch ging auf von dem Land, wie der Rauch eines Schmelzofens.“ Er vermutete, dass ein solch gewaltiger Brand auf Gasvorkommen hinweisen könnte. Und er folgerte, dass Gasvorkommen gleichzeitig auch Ölvorkommen bedeutete. Damit hatte er recht. 1953 wurde das erste Erdölbohrloch Israels in der Nähe der antiken Stätte von Sodom und Gomorra in Betrieb genommen.
Es ist ebenfalls allgemein bekannt, dass die Standard Oil Company in Ägypten Öl entdeckte und dort seit Langem Ölförderung betreibt. Weniger bekannt ist hingegen der Grund, aus dem sie überhaupt in diesem uralten Land nach Öl suchten. Es heißt, dass einer der Direktoren der Standard Oil Company zufällig das zweite Kapitel von 2. Mose las, und dort erregte der dritte Vers seine Aufmerksamkeit. Dort steht, dass das Kästchen aus Schilfrohr, das Moses Mutter für ihn machte, mit Asphalt und Pech bestrichen war. Dieser Direktor schloss daraus, dass dort, wo es Pech gibt, auch Öl zu finden sein müsse. Und wenn es zu Moses Zeiten Erdöl in Ägypten gab, wäre es wahrscheinlich immer noch da. Also schickte das Unternehmen seinen Geologen und Ölexperten Charles Witchet los, um Nachforschungen anzustellen – mit dem Ergebnis: Es wurde tatsächlich Öl gefunden!
Hier kommt mein Favorit. Der World Christian Digest berichtet, dass ein Polizist aus Haifa einer Schmugglerbande auf die Spur kam, weil er seine Bibel gut kannte. Um nicht aufzufallen, benutzten die Schmuggler zur Fortbewegung in der Stadt nämlich einen von Eseln gezogenen Wagen. Der Polizist konnte einige der Esel einfangen, die Schmuggler selbst entkamen ihm leider jedes Mal. Daraufhin fütterte er die Esel viele Tage lang nicht und ließ sie dann frei. In Jesaja 1,3 heißt es „ein Ochse kennt seinen Besitzer, und ein Esel die Krippe seines Herrn.“ Er nahm an, dass die Esel zu den Schmugglern zurückkehren würden. Und genauso wie er es vorausgesagt hatte, führten die hungrigen Tiere die Polizei direkt zu dem Schmugglerring.
Die Bibel ist ein erstaunliches Buch, sowohl wertvoll als auch einzigartig. Durch die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte, richteten Menschen ihr Leben nach der Schrift aus. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die Geschichte eines kleinen Mädchens in Frankreich, das arm und blind war. Jemand hatte ihr das Markusevangelium in Blindenschrift gegeben und sie hatte gelernt, es mit den Fingerspitzen zu lesen. Da sie die Schrift so leidenschaftlich liebte und ständig darin las, verhornten ihre Fingerspitzen und sie konnte die Buchstaben nicht mehr so gut erkennen. Weil sie die Schrift unbedingt weiterlesen wollte, schnitt sie sich die verhornte Haut an den Fingerspitzen ab, um sie empfindlicher zu machen. Dabei zerstörte sie aber die Nerven und sie erkannte, dass sie das geliebte Buch aufgeben musste. Es heißt, dass sie weinend ihre Lippen auf die Seiten des Markusevangeliums presste und sagte: „Lebe wohl, lebe wohl.“ Zu ihrer Überraschung bemerkte sie, dass ihre Lippen empfindlicher waren als ihre Finger, und sie die erhabenen Punkte lesen konnte. Die ganze Nacht hindurch las sie mit ihren Lippen Gottes Wort und war überglücklich über diese neue Möglichkeit.
Jesus brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht!“ Die Bibel ist ein wundervolles Buch, ein Buch, das nicht übertroffen werden kann. Ich finde sogar, dass man folgenden Warnhinweis auf die Bibel kleben sollte: „Achtung: Dieses Buch kann süchtig machen! Regelmäßiger Gebrauch verursacht Angstverlust, vermindert den Appetit auf Lügen, Betrug, Begierde, Hass und Diebstahl. Regelmäßiger Gebrauch verstärkte Gefühle von Freude, Frieden, Liebe und Mitgefühl.“
Die Bibel ist das alles überragende Buch. Kein Buch kommt auch nur annähernd an ihre Vortrefflichkeit heran. So hatte auch der Apostel Paulus in unserem heutigen Vers die Überlegenheit der Schrift im Sinn. Wenn er sagt: „Die Weissagung, Vorhersagen oder prophetische Rede verachtet nicht!“, dann denkt er dabei an die gesprochene oder geschriebene Offenbarung Gottes. Er hat unsere Haltung gegenüber der Offenbarung Gottes vor Augen. Erinnert euch, dass Vers 20 Teil einer Liste allgemeiner Grundlagen für das christliche Leben ist. In Vers 16 erinnert Paulus uns daran, dass wir uns allezeit freuen sollen. Dann sagt er, dass wir ohne Unterlass beten und in allem dankbar sein sollen. In der letzten Predigt beschäftigten wir uns mit der Aussage: „Den Geist löscht nicht aus!“ Und nun geht er zu einem ganz besonderen Thema über und sagt: „Schaut nicht herab auf Gottes Offenbarung.“
Das alles gehört dazu, wenn man eine gesunde Herde heranziehen möchte. Es erfordert, dass die Schafe die richtige Beziehung zum Oberhirten haben. Der Apostel Paulus spricht darüber, wie die Beziehungen innerhalb der Gemeinde aussehen sollen, die Beziehung der Leiter zu den Gemeindegliedern, der Gemeindeglieder zu den Leitern und der Gemeindeglieder untereinander. Dann spricht er über die Beziehung der Gemeindeglieder zum Herrn. All diese Bestandteile zusammengenommen machen eine effektive Gemeinde aus. Dabei sind die Gebote ab Vers 19 sehr direkt und genau: „Den Geist löscht nicht aus!“ ist unmissverständlich. Ebenso Vers 21: „Prüft alles sorgfältig“ oder „Das Gute behaltet!“. Genauso eindeutig ist Vers 22: „Haltet euch fern von dem Bösen in jeglicher Gestalt!“. Nur das zweite Gebot aus Vers 20 könnte ein wenig verwirrend sein: „Die Weissagung verachtet nicht!“ oder „Prophezeiungen verachtet nicht!“ Um herauszufinden, was Paulus damit meint, müssen wir uns das ein bisschen genauer ansehen.
Eine kleine Randbemerkung für diejenigen von euch, die sich für die sprachliche Struktur der Ursprache interessieren: In jedem der fünf Gebote ab Vers 19 steht das Subjekt an erster Stelle. Der Geist, löscht ihn nicht aus. Weissagung, verachtet sie nicht. Alles, prüft. Was gut ist, behaltet. Böses, haltet euch fern davon. Das betont immer das Subjekt und macht im Griechischen die Aussage sehr eindringlich. Und nun betrachten wir einige konkrete Elemente dieses Verses. Das soll uns helfen, seine Bedeutung zu verstehen. Das Wort „verachten“ bedeutet „abwerten“, sich absolut nichts aus etwas zu machen. Das andere sehr wichtige Wort in in diesem Vers ist Weissagung, prophēteias. Im Grunde bedeutet es: „das, was Gott gesagt hat“.
Das schauen wir uns nun noch etwas genauer an. Das Wort prophēteias wird es im Neuen Testament sowohl für das gesprochene als auch für das geschriebene Wort verwendet. Das ist sehr wichtig; denn der unmittelbare Kontext von 1. Thessalonicher 5 gibt uns keinen direkten Hinweis. Deshalb muss man sich das Wort selbst ansehen und in anderen Bibelstellen nachschauen, wie es woanders verwendet wird. Und dann stellt man fest, dass es manchmal für das gesprochene Wort, manchmal für das geschriebene Wort verwendet wird.
Ich möchte ein paar Beispiele dafür geben, um dir zu helfen, dieses Wort zu begreifen und die Auslegung gut zu verstehen. Schlag bitte Römer 12 auf. Dort findest du ab Vers 6 eine Liste der Geistesgaben, über die es heißt: „Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben nach der uns gegebenen Gnade, so lasst sie uns gebrauchen.“ Und weiter: „Wenn wir Weissagung haben, so sei sie in Übereinstimmung mit dem Glauben.“ Hier wird das gleiche Wort verwendet. Es geht um das Sprechen, um eine Gabe des Redens. In 1. Petrus 4,11 werden die geistlichen Gaben in zwei Kategorien eingeteilt: die Gabe des Redens und die Gabe des Dienens. Dort heißt es „Wenn jemand redet“, und zwar nicht im prophetischen Sinne, sondern es beschreibt jemanden, der vor Menschen steht und zu ihnen redet. Wörtlich bedeutet es, öffentlich zu sprechen oder öffentlich zu verkündigen. Einige Christen erhielten diese Gabe der Weissagung als eine vom Heiligen Geist verliehene Fähigkeit, das Wort Gottes öffentlich zu verkündigen.
Wenn wir nun in das Neue Testament hineinschauen, wo die Gabe der Weissagung in ihrer ganzen Fülle vorhanden war, erkennen wir zwei Kategorien. Manchmal, wenn jemand diese Gabe ausübte, war es eine Offenbarung: ein direktes Wort von Gott, das man bis dahin noch nie gehört hatte. Aber manchmal war das nicht der Fall, sondern es war einfach eine Wiederholung dessen, was Gott bereits gesagt hatte oder was bereits geschrieben worden war. Darum sagt das Wort „Weissagung“ nicht unbedingt etwas über die Form aus, also ob es sich um eine neue Offenbarung handelte oder um etwas schon früher Offenbartes. Es sagt nur etwas darüber aus, wie die Offenbarung ausgesprochen wurde, nämlich als öffentliche Verkündigung.
Manchmal konnte eine Weissagung sehr konkret sein, wie zum Beispiel in Apostelgeschichte 11,27-28. Dort kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia. Einer von ihnen, namens Agabus, stand auf und begann durch den Geist darauf hinzuweisen, dass es ganz sicher eine große Hungersnot auf der ganzen Welt geben würde. Hier gibt Gott durch diesen Mann eine sehr konkrete, praktische Weissagung. Es handelte sich nicht um eine Lehre oder Theologie. Sie sollte nicht als eigenes Bibelbuch oder als Teil eines Buches aufgezeichnet werden. Sondern diese Weissagung sollte einfach nur konkret auf etwas hinweisen. Die Propheten des Neuen Testaments sprachen Gottes Wort häufig mit direktem Bezug auf das praktische Leben und den Dienst der Gemeinde. In Apostelgeschichte 15,32 zum Beispiel „ermahnten Judas und Silas, die selbst auch Propheten waren, die Brüder mit vielen Worten und stärkten sie.“ Hier sehen wir neutestamentliche Propheten, die einfach ein ermutigendes, ermahnendes Wort predigen. Dabei handelte es sich um keine direkte Offenbarung, sondern sie gaben einfach etwas von Gott Offenbartem weiter, um die Heiligen zu ermutigen. Es könnte ein übernatürliches Element dabei sein, aber wir wissen es nicht, weil es nicht im Text steht. Im Gegensatz dazu heißt es in Apostelgeschichte 11, dass Gott tatsächlich durch den Geist zu Petrus sprach.
„Weissagung“ ist also ein weit gefasster Begriff, der sich auf die öffentliche Verkündigung von Gottes Botschaft bezieht. Es kann sich dabei um eine neue Botschaft handeln; das war besonders während der Zeit des Neuen Testaments der Fall. Denn damals empfingen sie noch Offenbarungen und Gott sprach direkt durch den Mund eines Propheten. Oder es konnte einfach eine Wiederholung dessen sein, was Gott bereits gesagt und offenbart hatte. Neue Weissagung, ob sie nun praktischer oder lehrmäßiger Natur war, gab es allein in der Zeit des Neuen Testaments. Doch selbst in dieser Anfangszeit bestand die Gabe der Weissagung in den meisten Fällen in der Fähigkeit, Gottes bereits offenbartes Wort zu verkündigen. Und genau das sagt Paulus in Römer 12,6. Dort sagt er: „Wenn du die Gabe der Weissagung hast, dann nutze sie nach dem Maß des Glaubens.“ Im Griechischen heißt es: „Wenn Weissagung, dann nach dem Maß des Glaubens.“ Im Urtext steht kein Possessivpronomen. Da steht nicht „nach dem Maß seines Glaubens“.
Das Wort „Maß“ ist ebenfalls sehr wichtig. Es ist das griechische analogia, von dem „Analogie“ kommt. Wenn wir sagen, etwas ist analog zu etwas anderem, dann bedeutet das, dass es eine Übereinstimmung mit etwas anderem gibt. Wenn ich sage: „Diese Wahrheit ist analog zu dieser“, meine ich, dass die eine mit der anderen übereinstimmt. Deshalb sprachen die Reformatoren von der analogia scriptura. D. h. die Schrift stimmt immer mit sich selbst überein. Sie ist nie mit sich selbst uneins und widerspricht sich auch nicht.
Paulus sagt also in Römer 12,6, dass es sehr wichtig ist, diese Gabe der Weissagung in genauer Übereinstimmung mit dem Glauben einzusetzen und auszuüben. Was ist mit „dem Glauben“ gemeint? Der Ausdruck „der Glaube“ wird im Neuen Testament mehrfach als Synonym für die gesamte von Gott gegebene christliche Wahrheit verwendet, die durch Lehre und Offenbarung vermittelt wurde. In Apostelgeschichte 6,7 heißt es: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger mehrte sich sehr in Jerusalem; auch eine große Zahl von Priestern wurde dem Glauben gehorsam.“ Das heißt, sie wurden der Lehre, der Wahrheit gehorsam. Auch Judas erinnert den Leser daran, dass er ernsthaft für den Glauben kämpfen soll, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist. Damit meint er die Gesamtheit der Offenbarung, die uns als Gottes Wort bekannt ist und schreibt in Judas 20: „Erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben.“
Paulus sagt also in Römer 12,6: „Wer weissagt und befähigt ist, für Gott zu sprechen, muss das in völliger Übereinstimmung und Harmonie mit dem bereits durch Gott geoffenbarten Glauben tun.“ Verstehst du das? Dieses Wort wird so verwendet, dass derjenige der spricht, es in Übereinstimmung mit dem Glauben tun muss. Wenn Paulus also sagt: „Die Weissagung verachtet nicht!“, dann meint er damit in erster Linie die Verkündigung von begabten Männern, die in vollkommener Übereinstimmung sind mit dem Wort Gottes. Gegen Ende der Offenbarung, in Kapitel 19,10, sagt Johannes über seine Begegnung mit dem Engel: „Und ich fiel vor seinen Füßen nieder, um ihn anzubeten. Und er sprach zu mir: Sieh dich vor, tue es nicht! Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! Denn das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung.“ Die Weissagung bezeugt Jesus Christus und stimmt immer mit dem geoffenbarten Wort Gottes überein. Deshalb können wir immer beurteilen, ob eine mündlich verkündigte Botschaft gültig ist, nämlich indem wir bestätigen, dass sie völlig mit der Schrift übereinstimmt. Weissagungen können niemals vom geschriebenen Wort abweichen.
Übrigens steht die Gabe der Weissagung in Römer 12 inmitten einer Aufzählung, die keinerlei Hinweis auf irgendeine Wundergabe enthält. Einige Wundergaben werden in 1. Korinther 12 aufgezählt, aber nicht in Römer 12. Daran können wir erkennen, dass Weissagung auch keine Wundergabe ist, sondern einfach nur die Verkündigung der Wahrheit, und zwar in vollkommener Übereinstimmung mit Gottes Wort. Aber ich möchte in 1. Korinther 12 noch einen Schritt weiter gehen. In 1. Korinther 12,10 sehen wir dieselbe Gabe noch einmal, nur geht es in diesem Vers tatsächlich um Wundergaben. Paulus spricht hier über das Wirken von Wundern und sagt: „einem anderen werden Wirkungen von Wunderkräften gegeben, einem anderen Weissagung, einem anderen Geister zu unterscheiden, einem anderen verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen die Auslegung der Sprachen.“ Hier nennt uns Paulus einige Wundergaben, die nur in der Zeit der Apostel vorkamen und er erwähnt im Zusammenhang mit diesen übernatürlichen Gaben auch die Gabe der Weissagung. Daraus lässt sich schließen, dass diese Gabe zur Zeit der Apostel manchmal übernatürliche Elemente enthielt. Und zwar dann, wenn der Prophet buchstäblich eine direkte Offenbarung von Gott bekam, die nicht vorher schon gegeben worden war.
Nachdem mit den Aposteln diese Zeit der übernatürlichen Offenbarung zu Ende gegangen war, blieb die nicht übernatürliche Gabe übrig. Und das ist die öffentliche Verkündigung der Wahrheit Gottes, in vollkommener Übereinstimmung mit dem geschriebenen Wort. Und in diesem Sinne wird diese Gabe natürlich auch heute noch verwendet.
Paulus sagt in 1. Korinther 12,1: „Über die Geisteswirkungen aber, ihr Brüder, will ich euch nicht in Unwissenheit lassen.“ Und das möchte ich auch nicht. Deshalb gehen wir jetzt zu einer sehr wichtigen Aussage in 1. Korinther 14,1: „Strebt nach der Liebe, doch bemüht euch auch eifrig um die Geisteswirkungen; am meisten aber, dass ihr weissagt!“ Das wurde nicht an eine Einzelperson geschrieben, sondern an eine Gemeinde. Keine Einzelperson kann sich ernsthaft eine geistliche Gabe wünschen und sie dann auch bekommen. Sondern Paulus sagt: Wenn die Gemeinde zusammenkommt, müsst ihr ernsthaft danach verlangen, dass die geistlichen Gaben zum Einsatz kommen. Am meisten aber sollt ihr danach streben, dass ihr gemeinsam weissagt. Er sagt nicht, dass ein einzelner Gläubiger sich diese Gabe wünschen soll, wenn er sie nicht hat. Sondern, dass sich die Gemeinde als Ganzes ihre Ausübung wünschen soll. Warum das so sein soll, erklärt er in Vers 3: „Wer aber weissagt, der redet für Menschen zur Erbauung, zur Ermahnung und zum Trost.“ Weissagung erbaut, ermahnt und tröstet und all das ist unverzichtbar für das Leben der Gemeinde.
In Vers 6 sagt Paulus: „Wenn ich zu euch käme und in Sprachen redete, was würde ich euch nützen?“ Um euch zu nutzen, muss ich durch Offenbarung oder durch Erkenntnis oder durch Weissagung oder durch Lehre sprechen. Damit sagt Paulus, dass die Weissagung an sich verständlich, sinnvoll, erbaulich, ermahnend und tröstend ist.
In Vers 39 sagt er dasselbe noch einmal. „Also, ihr Brüder, strebt danach, zu weissagen und das Reden in Sprachen verhindert nicht.“ Richtig angewendet, hatte damals beides seinen Platz in der Gemeinde. Aber er sagt auch: Wenn ihr euch in eurer Versammlung etwas wünscht, dann wünscht euch, zu weissagen, weil die Weissagung erbaut, ermahnt und tröstet. Sie ist das Wort Gottes, das euch aufrichten kann. Sie ist das Wort Gottes, das euch zu heiligem Verhalten aufruft. Sie ist das Wort Gottes, das euch Trost spendet. Und jeder, der weissagte, weissagte die Offenbarung des Wortes Gottes.
Schau dir zum Beispiel 1. Korinther 14,37 an: „Wenn jemand glaubt, ein Prophet zu sein oder geistlich, der erkenne, dass die Dinge, die ich euch schreibe, Gebote des Herrn sind.“ Paulus erklärt hier: Wenn jemand sagt, er sei ein Prophet, dann muss er völlig mit dem übereinstimmen, was ich schreibe. Ich schreibe nämlich das Gebot Gottes selbst. Jeder, der behauptet, ein Prophet zu sein, muss also mit der Schrift übereinstimmen.
In Kapitel 14,24 sagt Paulus: „Wenn aber alle weissagten, und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger herein, so würde er von allen überführt, von allen erforscht.“ Ein Ungläubiger würde von der Weissagung und Verkündigung des Wortes Gottes überführt werden, weil er es hören und verstehen würde. Vers 25: „So würde das Verborgene seines Herzens offenbar, und so würde er auf sein Angesicht fallen und Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig in euch ist.“
Aber in Vers 23 sagt Paulus: „Wenn ihr alle in Sprachen brabbelt und ein Unkundiger oder ein Ungläubiger kommt herein, dann wird er sagen, ihr seid verrückt.“ Es wird keinerlei evangelistische Wirkung haben. Weissagung ist also die öffentliche Verkündigung der Wahrheit Gottes in vollkommener Übereinstimmung mit der Schrift. Sie ist evangelistisch, sie erbaut, sie ermahnt und sie tröstet. In Epheser 2,20 heißt es, dass die Gemeinde auf der Grundlage der Apostel und Propheten auferbaut ist. Wir leben nicht mehr zur Zeit der Apostel und sind von dieser Grundlage schon weit entfernt. Trotzdem haben wir immer noch die Gabe der Weissagung, die darin besteht, das Wort Gottes zu verkündigen.
Gleichzeitig wurde Weissagung nicht nur gesprochen, sondern auch geschrieben. Im Neuen Testament wird das Wort prophēteias mehrfach für geschriebene Offenbarung verwendet. Dazu müssen wir Matthäus 13,14 studieren, weil dieser Vers verwirrend sein kann und tatsächlich auch schon sehr viele Menschen verwirrt hat. Sogar die meisten Ausleger scheinen mir an dieser Stelle verwirrt zu sein. In Matthäus 13,14 steht das gleiche Wort, prophēteias. Es bezieht sich dort auf Jesaja: „Es wird an ihnen die Weissagung des Jesaja erfüllt“. Und dann zitiert Jesus aus Jesajas Weissagung, aus Jesaja 6. Hier meint das Wort „Weissagung” also nicht Gesprochenes, sondern Geschriebenes. Es bezieht sich nicht auf mündliche, sondern auf schriftliche Kommunikation und in diesem Fall bezieht es sich ganz konkret auf den alttestamentlichen Propheten Jesaja.
Schlagt Römer 16,26 auf. Paulus schreibt hier über die Offenbarung des Geheimnisses, das lange verborgen war, „das jetzt aber offenbar gemacht worden ist“. Damit meint er den Neuen Bund von Vers 25, der „jetzt aber offenbar gemacht worden“ ist „durch prophetische Schriften“. Die Männer, die die Schrift schrieben, hatten demnach ein prophetisches Amt. Sie sprachen vor dem Volk oder schrieben und gaben das Wort Gottes in mündlicher und/oder schriftlicher Form an die Menschen weiter. Das zeigt uns, dass sich das Wort „Weissagung“ sowohl auf das Sprechen beziehen kann, als auch auf das geschriebene Wort.
In 2. Petrus 1,19 sagt Petrus: „Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort.“ In Vers 20 definiert er das „prophetische Wort“ dann genauer und nennt es „Weissagung der Schrift“. Das prophetische Wort ist die Weissagung der Schrift. Hier sehen wir wieder denselben Begriff und dass er sich auf die inspirierte Schrift bezieht. Der Ausdruck „Weissagung der Schrift“ in Vers 20 war damals die gängige Bezeichnung für das Alte Testament als Einheit. Das geweissagte Wort ist im Alten Testament als die geweissagte Offenbarung zusammengefasst. Im Neuen Testament sagt Petrus dazu: „Niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.“ Er macht deutlich, dass sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament das geschriebene Wort die Weissagung ist.
Geh kurz zu Offenbarung 1,3. Dort schreibt Johannes über die Offenbarung: „Glückselig ist, der die Worte der Weissagung liest, und die sie hören.“ Er nennt das Buch der Offenbarung „die Weissagung“. Und im letzten Kapitel der Offenbarung spricht Johannes in den Versen 10.18.19 dreimal vom Buch der Offenbarung als „die Weissagung“. Ich möchte das Ganze zusammenfassen. Manchmal meint das Wort prophēteias das gesprochene Wort, die Offenbarung Gottes durch den Mund eines Propheten. Manchmal meint das Wort „Weissagung“ das geschriebene Wort. Aber in jedem Fall musste das gesprochene oder geschriebene Wort in vollkommener Übereinstimmung mit der Schrift stehen. Entweder ist es die Schrift oder stimmt vollkommen mit der Schrift überein. Damit ist das Argument von Paulus klar. Wenn er sagt: „Die Weissagung verachtet nicht!“, dann meint er: „Ihr sollt die Offenbarung Gottes, die in der Schrift niedergelegt ist, nicht gering schätzen, egal, ob ihr sie lest oder sie verkündigt hört. Ihr sollt ihre Bedeutung weder schmälern, noch herabstufen oder herabwürdigen.“
In Hiob 23,12 sagt Hiob dass er das Wort Gottes mehr als sein tägliches Brot schätzt. Jeremia ernährte sich jeden Tag mit Freude davon. Und Josua gab in Bezug auf die Schrift diese wunderbare Anweisung in Kapitel 1,8: „Lass dieses Buch des Gesetzes nicht von deinem Mund weichen, sondern forsche darin Tag und Nacht, damit du darauf achtest, alles zu befolgen, was darin geschrieben steht; denn dann wirst du Gelingen haben auf deinen Wegen, und dann wirst du weise handeln!“ In 5. Mose 6,6 wies der Herr das Volk sehr deutlich an, wie sie das Wort Gottes mit höchster Verehrung behandeln sollten und sagte zu ihnen: „Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du auf dem Herzen tragen, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt oder auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst; und du sollst sie zum Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen dir zum Erinnerungszeichen über den Augen sein; und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben.“ Er sagt: Füllt euer ganzes Leben mit dem Wort Gottes.
In Psalm 1 heißt es: „Wohl dem, der nicht wandelt nach dem Rat der Gottlosen“, sondern in der Wahrheit Gottes. Wohl dem Menschen, dessen Leben ganz dem Wort gewidmet ist; der „seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz nachsinnt Tag und Nacht.“ Der gottesfürchtige Mensch schaut nicht auf die Schrift herab. Sondern wir preisen und erheben die Schrift. In Psalm 119,1-2 heißt es: „Wohl denen, die im Weg untadelig sind, die wandeln nach dem Gesetz des HERRN! Wohl denen, die seine Zeugnisse bewahren, die ihn von ganzem Herzen suchen.“ Und David sagte: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ Paulus befielt der Gemeinde in Thessalonich „Ihr sollt Gottes Wort nicht herabwürdigen“. Damit will er bewirken, dass wir die Schrift sehr sehr ernst nehmen. Er will damit sagen, dass man die Schrift hochachten soll.
Das können aber nur Christen tun. In 1. Korinther 2,10 heißt es, dass Gott es uns durch den Geist geoffenbart hat. Und dann steht weiter unten in Vers 14: „Der natürliche Mensch aber”, also ein unbekehrter Mensch oder Nichtchrist, „nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“ Der nicht wiedergeborene Mensch kann die Schrift überhaupt nicht erheben oder sie preisen. Martin Luther sagte: „Der unbekehrte Mensch ist wie eine Salzsäule; er ist wie Lots Frau, wie ein Holzscheit oder ein Stein, wie eine leblose Statue, die weder Augen noch Mund verwendet, weder Sinn noch Herz, bis sie bekehrt und durch den Heiligen Geist erneuert wird.“ Zitatende.
Das Beste, was ein unerlöster Mann oder eine unerlöste Frau tun kann, ist, an der Rinde der Schrift zu nagen, ohne jemals bis zum Holz durchzudringen. Der dänische Philosoph Kierkegaard fand ein anschauliches Beispiel für den falschen Umgang mit der Schrift. Er sagte über all diese Akademiker und angeblichen Bibelwissenschaftler: „Ein kleiner Junge soll von seinem Vater gezüchtigt werden. Während der Vater die Rute holt, stopft sich der Junge mehrere Servietten in die Hose. Als der Vater zurückkommt und ihn schlägt, spürt der Junge keinen Schmerz, weil die Servietten die Schläge der Rute abfangen. Der kleine Junge steht für die Bibelwissenschaftler. Sie polstern ihre Hosen mit ihren Lexika, Kommentaren und Konkordanzen aus. Darum spricht sie die Schrift nie als Wort Gottes an. Weil sie die Kraft der Schrift zunichte machen, indem sie sich mit ihrem akademischen Zeug abschirmen, hören sie die Schrift nie als das Wort Gottes. Ihre Bücher sind notwendig, wenn man sie richtig nutzt, wie die Geschichte des Hohen Liedes zeigt. Wenn sie aber diese Bücher aus ihren Hosen herausholen würden, dann könnte die Schrift als Wort Gottes zu ihnen durchdringen.“
Die Heilige Schrift als Wort Gottes zu uns durchdringen zu lassen, ist das besondere Werk des Heiligen Geistes. Nur wer den Heiligen Geist hat, kann das Gebot befolgen, Gottes Wort nicht zu verachten. Es gibt Menschen in Predigerseminaren, Hochschulen und Gemeinden in ganz Amerika und auf der ganzen Welt, die vorgeben, die Schrift zu studieren. Aber ihre Hosen sind dermaßen gepolstert, dass Gottes Wort sie nie berühren kann. Ihr Verstand erkennt die Wahrheit nicht, weil ihre Herzen nicht vom Heiligen Geist erfüllt sind. Aber diejenigen von uns, die den Geist und den lebendigen Gott kennen, können die Wahrheit verstehen und richtig sehen. Diese Menschen, die die Wahrhaftigkeit, Echtheit, Autorität, Inspiration und Irrtumslosigkeit der Schrift leugnen, offenbaren dadurch nur, dass sie gegen dieses Gebot von Paulus verstoßen: „die Weissagung verachtet nicht!“.
Werte die Schrift nicht ab, würdige sie nicht herab oder schätze sie gering. Denn wenn du das tust, bist du nicht in der Lage, jemals ein christliches Leben zu führen. Denn die Schrift ist deine einzige Landkarte, dein einziger Kompass und dein einziges Handbuch. Alles, was dir dann bleibt, ist die menschliche Anstrengung, gute Werke zu tun, um dir den Eintritt in das Reich Gottes zu verdienen. Solange der Geist nicht in dir lebt und du das Wort Gottes nicht sowohl im Denken als auch im Gehorsam erhebst, wirst du die Weissagung verachten und gegen dieses direkte Gebot verstoßen.
Nun möchte ich zum Abschluss noch zwei Fragen stellen. Warum solltest du die Schrift nicht verachten? Und wie solltest du dich mit ihr beschäftigen? Zunächst einmal, warum solltest du die Schrift nicht verachten? Erstens, wegen ihrer grundlegenden Eigenschaften. Wir sprachen zu Beginn schon darüber, dass die Bibel einzigartig ist. Aber ich möchte noch etwas mehr über jene Eigenschaften sagen, von denen sie selbst spricht. Zunächst einmal ist die Schrift autoritativ. In Jesaja 1,2 heißt es: „Hört, ihr Himmel, und horche auf, o Erde; denn der HERR hat gesprochen.“ Wenn Gott spricht, sollte man lieber zuhören, denn was er sagt, ist autoritativ.
Zweitens ist sie unfehlbar. Und das gilt für die gesamte Schrift. Weder fehlt etwas in der Schrift, noch macht sie Fehler. Psalm 19,8 drückt es so aus: „Das Gesetz des HERRN ist vollkommen.“ Die Schrift ist vollständig, umfassend und perfekt. Drittens verwende ich gerne das Wort „irrtumslos“. Die Schrift ist einerseits in ihrer Gesamtheit unfehlbar, andererseits auch in jedem einzelnen Teil irrtumslos. In Sprüche 30,5.6 heißt es: „Alle Reden Gottes sind geläutert“. Das meint jedes einzelne Wort, bis hin zu den einzelnen Buchstaben und Strichlein. Diese „werden nicht vergehen“, sagte Jesus. Das Wort Gottes ist autoritativ, deshalb sollte man lieber zuhören, wenn Gott spricht. Das Wort Gottes ist unfehlbar, d. h. die gesamte Schrift ist fehlerfrei. Und das Wort Gottes ist irrtumslos. In den ursprünglichen Autographen ist jedes Wort von Gott unverfälscht und rein. Es gibt keinen einzigen Fehler darin.
Viertens: Das Wort Gottes ist allgenugsam. In Psalm 19 heißt es, dass die Schrift die Seele völlig umwandeln kann. Sie kann Unverständige weise machen, das Herz erfreuen und die Augen erleuchten. Sie reicht aus. Sie kann den Menschen Gottes ganz zubereiten, zu jedem guten Werk völlig ausrüsten. Sie kann dich weise machen zur Errettung, 2. Timotheus 3,15-17. Sie ist allgenugsam.
Fünftens: Das Wort Gottes ist wirksam. In Jesaja 55 heißt es: „So soll auch mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefällt.“ Die Schrift ist wirksam. Wenn Gott ein Wort spricht, dann geschieht es. Außerdem ist die Schrift entscheidend. Damit meine ich, dass sich an deiner Reaktion auf das Wort Gottes deine Ewigkeit entscheidet. „Wer aus Gott ist, der hört die Worte Gottes; darum hört ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid.“ Wenn jemand daherkommt und die Autorität der Schrift leugnet, ihre Unfehlbarkeit, Irrtumslosigkeit, Hinlänglichkeit und Wirksamkeit, dann offenbart er damit nur seinen geistlichen Zustand. Denn Jesus sagte, dass derjenige, der Gottes Worte nicht hört, nicht zu Gott gehört. Wenn du das Wort hörst, gehörst du zu Gott. Damit ist die Schrift entscheidend, weil sie das ewige Schicksal eines Menschen bestimmt.
Warum also sollten wir die Schrift nicht verachten? Einerseits wegen ihrer grundlegenden Eigenschaften, und andererseits wegen ihres großen Nutzens. Denn erstens ist die Schrift die Quelle der Wahrheit. In Johannes 17,17 sagte Jesus: „Dein Wort ist Wahrheit.“ Das ist eine überaus großartige Tatsache. Dein Wort ist Wahrheit. Zweitens ist sie die Quelle der Freude und des Glücks. In Sprüche 8,34 heißt es: „Glücklich der Mensch, der auf mich hört.“ Johannes sagt in 1. Johannes 1,4: „dies habe ich euch geschrieben, damit eure Freude vollkommen sei.“ Lukas sagt in Lukas 6,47.48 und Lukas 11,27.28: „Glückselig ist der Mensch, der dem Wort gehorcht“. Das zieht sich durch die ganze Schrift. In Offenbarung 1,3 heißt es: „Glückselig ist, der die Worte der Weissagung liest.“ Die Schrift ist die Quelle der Freude, des Glücks und der Glückseligkeit.
Drittens: Sie ist die Quelle des Sieges. „Ich bewahre dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht gegen dich sündige“, sagt der Psalmist. In Epheser 6,17 fordert Paulus auf: „Nehmt das Schwert des Geistes“. Die Schrift ist unsere Waffe. Als Jesus versucht wurde, antwortete er gemäß Matthäus 4,1-11 dreimal mit der Schrift, indem er sagte: „Es steht geschrieben.“ Ja, das Wort Gottes ist die Quelle für unseren Sieg über die Versuchung. Die Schrift ist die Quelle unseres Glücks. Die Schrift ist die Quelle der Wahrheit.
Viertens: Sie ist die Quelle unseres Wachstums. In 1. Petrus 2,2 heißt es: „Seid als neugeborene Kindlein begierig nach der unverfälschten Milch des Wortes, damit ihr durch sie heranwachst.“ Das Wort ist die Quelle für unser Wachstum. Spurgeon trifft darüber eine gewaltige Aussage. Er sagt: „Es ist das Wort, das den Christen reinigt. Es ist die Wahrheit, die ihn läutert – es ist die Schrift, die durch den Heiligen Geist lebendig und kraftvoll gemacht wird.“ Das ist wahr. Das Wort reinigt und läutert uns. Das ist der Schlüssel zum Wachstum. Deshalb vergleicht Jesus in Johannes 15 das Wort mit einem Gartenmesser: Es schneidet Wurzeltriebe ab, damit die Wachstumskraft die ertragbringenden Bereiche erreichen kann. Das Wort ist somit die einzige Quelle der Wahrheit, die einzige Quelle des Glücks, die einzige Quelle des Sieges, die einzige Quelle des Wachstums.
Fünftens: das Wort ist die einzige Quelle der Führung. In Psalm 19,9 heißt es, dass die Befehle des Herrn richtig sind. Das bedeutet, dass das Wort den richtigen Weg aufzeigt, auf dem wir gehen sollen. Und dann sagt Psalm 119,105, dass das Wort eine Leuchte auf diesem Weg ist. Es ist sowohl der Weg, auf dem man gehen soll, als auch die Leuchte, die den Weg erhellt. So macht das Wort uns weise, indem es uns den Willen Gottes offenbart.
Sechstens ist es die Quelle der Hoffnung. Immer wieder sagt der Psalmist in Psalm 119: „Ich hoffe auf dein Wort, ich hoffe auf deine Bestimmungen”, d. h. auf die Schrift. Gottes Wort ist also die Quelle der Wahrheit, die Quelle des Glücks, die Quelle des Sieges, die Quelle des Wachstums, die Quelle der Führung und die Quelle der Hoffnung. Kein Wunder, dass es begehrenswerter sein sollte als Honig und Honigseim, als Gold und sogar Feingold. Wir beschäftigen uns also mit Gottes Wort wegen seiner grundlegenden Eigenschaften und seines wunderbar großen Nutzens.
Nun komme ich zur letzten Frage: Wie soll ich mich damit beschäftigen? Wie kann ich sicher sein, dass ich Gottes Wort nicht verachte? Das ist ganz einfach. Erstens, glaube dem Wort. Damit fängt es an. Jesus rief den Menschen immer wieder zu: „Glaubt mir – glaubt dem, was ich sage.“ Und in Johannes 5,24 sagte er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht.” Glaube dem Wort Gottes. Man könnte es auch wie Paulus ausdrücken: „Empfange es.“ Paulus sagte den Thessalonichern: „Ich bin so dankbar, dass ihr das Wort Gottes empfangen habt, als ich es euch verkündigte, denn es ist Gottes Wort.“
Zweitens: Ehre das Wort Gottes. Damit ist gemeint, das Wort zu erheben. Wie kannst du das tun? Du kannst die Schrift nur dann erheben, wenn du ihr gehorsam bist. Sei kein Profitmacher des Wortes, wie es 2. Korinther 2,17 beschreibt. Benutze das Wort nicht, um andere für deine eigenen Zwecke und Ziele zu manipulieren. In 2. Korinther 4,2 sagt Paulus: „Manche Menschen verfälschen das Wort Gottes, ihr aber sollt es ehren, erheben und schätzen.“
Drittens: Liebe die Schrift. Wie bereits erwähnt, sagte David in Psalm 119,97: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb!“ Und am Ende von Psalm 119 findet man unzählig viele derselben Aussagen, zum Beispiel in Psalm 119,140: „Dein Wort ist wohlgeläutert, und dein Knecht hat es lieb.“ Auch Petrus ging es um den Ausdruck von tiefer Zuneigung und tiefem Verlangen, als er sagte: „Wie ein neugeborenes Kind begierig ist, so sollt auch ihr begierig sein.“
Viertens: Befolge die Schrift. Zu sagen, dass man der Schrift glaubt und ihr dann nicht gehorcht, ist der größte Hohn, den man über die Schrift bringen kann. Jesus sagte: „Wenn du in meinem Wort bleibst, bist du mein wahrer Jünger.“ Wenn du sagst, dass du in Christus bleibst, solltest du auch selbst so wandeln, wie er gewandelt ist. Und wie ist er gewandelt? In vollkommenem Gehorsam gegenüber Gottes Wort. Jesus erzählte in Matthäus 7 die Geschichte von den zwei Häusern. Das eine stürzte in der Flut ein und das andere blieb stehen. Der Unterschied war, dass der eine „den Willen meines Vaters“ nicht tat und der andere „tat den Willen meines Vaters“.
Fünftens: Kämpfe für das Wort. In Judas 3 heißt es: „Kämpft ernsthaft für den Glauben.“ Beteilige dich am Kampf um die Bibel.
Sechstens: Studiere die Schrift. Paulus sagt: „Strebe eifrig danach, dich Gott als bewährt zu erweisen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen braucht, der das Wort der Wahrheit recht teilt.“ Sei wie die edlen Beröer, denn „sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte.“ Sei wie Apollos, von dem es heißt, er war „mächtig in den Schriften“. Oder wie es in Kolosser 3,16 heißt: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen“.
Siebtens: Verkündige die Schrift. Wenn du gehorsam und treu das Wort glaubst, das Wort ehrst, das Wort liebst, dem Wort gehorchst, für das Wort kämpfst, das Wort studierst, das Wort verkündigst, dann schaust du nicht darauf herab und verachtest es nicht. Denn dann wird es zu sehr ein Teil deines Lebens sein.
Zum Schluss möchte ich noch erzählen, was ich über Martin Luthers Art und Weise gelesen habe, wie er die Bibel studiert: Er sagte: „Ich studiere meine Bibel so, wie ich Äpfel sammle. Ich schüttle zuerst den ganzen Baum, damit die reifsten Früchte herunterfallen. Dann schüttle ich jeden Ast. Und wenn ich jeden Ast geschüttelt habe, schüttle ich jeden Zweig. Dann schüttle ich jeden dünnen Zweig. Und dann schaue ich unter jedes Blatt. Ich durchforsche die Bibel als Ganzes, als würde ich den ganzen Baum schütteln. Dann schüttle ich jeden Ast, indem ich ein Buch nach dem anderen studiere. Dann schüttle ich jeden Zweig und befasse mich mit den Kapiteln. Dann schüttle ich jeden dünnen Zweig, d. h. ich studiere sehr genau die Absätze, Sätze, Wörter und Bedeutungen.“
Gottes Wort ist ein so einzigartiges Buch. Das beschreibt folgendes Gedicht sehr treffend: „Wenn ich müde bin, ist die Bibel mein Bett. In der Dunkelheit ist die Bibel mein Licht. Wenn ich hungrig bin, ist sie lebendiges Brot. Wenn ich Angst habe, ist sie meine Rüstung für den Kampf. Wenn ich krank bin, ist sie heilende Medizin. Wenn ich einsam bin, finde ich in ihr Scharen von Freunden. Wenn ich arbeiten will, ist die Bibel mein Werkzeug. Will ich spielen, ist sie die Harfe mit melodischem Klang. Wenn ich unwissend bin, dann ist sie meine Schule. Wenn ich versinke, ist sie mein fester Boden. Wenn ich friere, ist die Bibel mein Feuer, und sie verleiht Flügel, wenn ich kühn nach etwas strebe. Bedrückt mich Dunkelheit? Die Bibel ist meine Sonne. Inmitten von Hässlichkeit ist sie ein schöner Garten. Bin ich durstig? Ihr Wasser fließt kühl. Drohe ich zu ersticken? Dann ist sie meine belebende Luft. Wenn du mir so viel gibst, wie könnte ich mich dir nicht hingeben, du großartiges Buch?“ Wir neigen uns zum Gebet.
Vater, wir wissen: Wenn wir treue Schafe sein sollen und wenn unsere Herde zu einer gesunden Herde heranwachsen soll, dürfen wir nicht auf dein Wort herabschauen, deine Offenbarung verachten. Die Worte des Dichters sind so treffend: „Wenn du mir so viel gibst, wie könnte ich mich dir nicht hingeben, du großartiges Buch?“ Die Antwort ist: Indem ich es nicht verachte und nicht wenig davon halte, sondern viel. Indem ich es glaube, ehre, liebe, studiere, für es kämpfe und es verkündige. Herr, mach uns zu Menschen der Schrift, zu Menschen, die deinem Namen Ehre machen, um Jesu willen. Amen.
ENDE
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