Heute Morgen werden wir das Abendmahl feiern. Wir wollen unsere Herzen darauf vorbereiten und dazu Matthäus 26 aufschlagen. Es passt gut, dass wir an einem Tag, an dem wir das Abendmahl feiern, gerade diesen Abschnitt lesen. Denn dieser Text könnte nicht passender sein. Es ist genau der Abschnitt, in dem unser Herr sein Mahl einsetzt. Wir wollen uns diese Verse ansehen und dann das Abendmahl feiern – hoffentlich mit neuer, frischer Bedeutung, nachdem wir gemeinsam durch diesen wunderbaren Abschnitt gegangen sind.
Erinnere dich daran, dass Matthäus uns hier die Vorbereitung auf das Kreuz Christi zeigt. Kapitel 26 steht ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das Kreuz. Wir haben über Gottes Vorbereitungen gesprochen, über die Vorbereitungen der religiösen Führer, über die Vorbereitung von Maria, der Schwester von Martha und Lazarus, die Jesus mit kostbarem Öl gesalbt hat. Wir haben über die Vorbereitung von Judas gesprochen. Ab Vers 17 kommen wir zu den Vorbereitungen des Herrn selbst, als er beginnt, sich auf seinen eigenen Tod vorzubereiten. Dazu gehört das letzte Passah, die Einsetzung seines Mahls. Dazu gehört auch eine Zeit, in der er seine schwachen Jünger zurechtweist und eine Zeit der Fürbitte vor dem Vater im Garten Gethsemane. All diese Elemente nennt Matthäus als Bestandteile der Vorbereitung auf den Tod Jesu Christi, der natürlich der Höhepunkt seines Lebens und Dienstes ist.
Wir haben in Vers 17 begonnen. Von Vers 17 bis 25 sehen wir unseren Herrn beim letzten Passah. Es ist ein entscheidender Schritt, den unser Herr auf dem Weg zum Kreuz gemeinsam mit seinen Jüngern geht. Wenn wir uns die Verse 17 bis 25 kurz ansehen, werden wir daran erinnert, dass es in diesem Text mehrere Elemente gibt, die uns auf dieses letzte Passah hinweisen.
Erstens: das Festlegen der Zeit. In den Versen 17 bis 19 haben wir uns genau angeschaut, wann und unter welchen Umständen dieses letzte Passah stattfand. Wir haben darüber gesprochen, warum Jesus mit seinen Jüngern zusammenkommen musste. Wir haben darüber gesprochen, was sie an einem Passah typischerweise taten. Wir haben festgestellt, dass es spät am Donnerstag stattgefunden hat, nach Sonnenuntergang. Am nächsten Tag wird er gekreuzigt werden. Wir haben auch darüber gesprochen, dass zu dieser Zeit in der Geschichte Israels das Passah sowohl am Donnerstag als auch am Freitag gefeiert wurde, weil die Bräuche in Galiläa anders waren als in Judäa. So feiert der Herr am Donnerstagabend ein galiläisches Passah, und doch gibt es am Freitag noch ein weiteres Passah. Das bedeutet, Jesus kann das Passah am Donnerstagabend feiern und am nächsten Tag während des Passah als Passahlamm sterben. Gott hatte die Geschichte, die Tradition, die Bräuche und die Umstände so geführt, dass das möglich war.
Wir haben also gesehen, wie unser Herr die Zeit für das Passahmahl festgelegt hat – ein Mahl, das er halten musste und das er unbedingt mit seinen Jüngern feiern wollte. Er wollte Zeit haben, sie zu unterweisen, sie zu lehren, ihnen die Verheißung des Heiligen Geistes zu geben, sein neues Gedächtnismahl einzusetzen, das wir als „Mahl des Herrn“, „Abendmahl" oder „Tisch des Herrn“ kennen, und Zeit, den Verräter zu entlarven. Es war eine sehr wichtige Zeit. Gleich werden wir noch einen weiteren wichtigen Grund sehen, warum er dieses letzte Passah feiern wollte.
Wir haben also über das Festlegen der Zeit gesprochen. Gehen wir jetzt zu Vers 20. Das zweite Element dieses letzten Passah – nach dem Festlegen der Zeit – ist das „gemeinsame Mahl”. Matthäus beschreibt dieses Passah nur sehr kurz. In Vers 20 heißt es: „Als es nun Abend geworden war, setzte er sich mit den Zwölfen zu Tisch. Und während sie aßen …”. Bis hierher erst einmal. Das ist tatsächlich alles, was Matthäus über das Essen selbst zu sagen hat, über das Passahmahl. Denk daran, dass es jetzt Donnerstagabend ist, nach 18 Uhr. Christus wird später in dieser Nacht festgenommen, am frühen Morgen vor ein Scheingericht gestellt, gekreuzigt und stirbt gegen 15 Uhr am Freitagnachmittag. Es sind also nur noch wenige Stunden bis zu seinem Tod, und sie essen das Passah. Es muss in dieser Nacht gegessen werden. Es muss vor Mitternacht gegessen werden. Es darf nichts bis zum nächsten Tag übrigbleiben. In Vers 20 sitzt er also mit seinen Jüngern am Tisch und ist vorbereit, das Mahl zu essen.
Beachte, dass in Vers 20 steht: „Er setzte sich“, wörtlich: „er legte sich“. Das ist interessant, denn wenn man in der Geschichte bis zum Passah in 2. Mose zurückgeht, dann sieht man: Als Gott das Passah eingeführt hat, hat er gesagt, ihr müsst das Passah im Stehen essen, ihr müsst es mit umgürteten Lenden in Eile essen, ihr müsst es mit dem Stab in der Hand und den Schuhen an den Füßen essen, bereit zum Aufbruch. Aber im Lauf der Jahre wurde das Fest länger, und da sie nicht mehr – wie beim ersten Passah – eilig aus Ägypten ausziehen mussten, entstand die Gewohnheit, sich hinzusetzen – wie bei vielen Festessen, bei denen man in Ruhe aß. Jesus passt sich diesem Brauch an und hat damit kein Problem. Er setzt sich also mit den Zwölfen zu Tisch.
In Vers 21 heißt es: „Und während sie aßen...“. Das führt uns direkt zum Passahmahl selbst, das einem klaren und unveränderlichen Ablauf folgte. Die Tradition war eindeutig: Zuerst kam der erste Kelch Rotwein, mit Wasser gemischt. Sie mischten Wein immer mit Wasser, damit niemand betrunken wurde. Wir wissen, dass sie beim Passah die doppelte Menge Wasser nahmen, damit der Weingenuss niemanden beeinflusste und dieser heilige Anlass nicht entweiht wurde. Also mischten sie ihn mit doppelt so viel Wasser und tranken diesen ersten Kelch, den man „Kelch des Segens“ nennt. Der erste Kelch war tatsächlich mit einem Segen verbunden. Wir sollten ihn wahrscheinlich nicht „den“ Kelch des Segens nennen – dieser Name ist dem dritten Kelch vorbehalten –, aber es war „ein“ Kelch, bei dem ein besonderer Segen gesprochen wurde. Er stand für den Segen Gottes. Wenn du Lukas 22,14-17 liest, wirst du sehen, dass sie dort mit diesem ersten Kelch beginnen, der Gottes Segen symbolisiert.
Nach diesem ersten Kelch folgte ein sehr wichtiges Ereignis beim Passahmahl, nämlich das Händewaschen. Das war eine zeremonielle Reinigung und ein Sinnbild dafür, dass man vor dem eigentlichen Essen erkennen musste, dass persönliche Heiligkeit und persönliche Reinigung notwendig sind. Schließlich feierten sie Gottes Rettung, dass Gott sie befreit hatte. Wenn sie Gottes Rettung feierten, wollten sie sicher sein, dass nichts Unreines in ihnen war. Wie konnten sie den Gott feiern, der sie gerettet hatte, und gleichzeitig an der Sünde festhalten, aus der er sie befreit hatte? Also gab es eine Zeit der Reinigung, ein zeremonielles Händewaschen.
Wahrscheinlich war es genau in diesem Moment, als sie ihre Hände wuschen und eine kurze Unterbrechung im Ablauf des Festes entstand, dass die Jünger wieder auf ein sehr vertrautes Thema kamen. In Lukas 22,24 heißt es, dass unter ihnen ein Streit darüber entstand, wer von ihnen als der Größte gelten sollte. Da sind wir also wieder. Mitten in diesem Ereignis fangen sie an zu streiten, wer von ihnen der Größte ist. Das ist kaum zu fassen. Sie haben gerade ihre Hände gewaschen als Zeichen der Reinigung ihrer Seele, und während sie dieses äußere Zeichen vollzogen haben, waren ihre Seelen voll von Stolz, Selbstsucht, Selbstverherrlichung und Ehrgeiz. Das Händewaschen war eigentlich ein Bild für eine innere Reinigung, aber es gab überhaupt keine Verbindung zwischen dem, was sie äußerlich taten und dem, was tatsächlich in ihrem Inneren vor sich ging. Das ist nicht anders als bei vielen Menschen, die zum Tisch des Herrn kommen und die äußeren Formen erfüllen, aber gleichzeitig an Sünde festhalten.
So haben sie die eigentliche Bedeutung dieser Reinigung einfach ignoriert und weiter ihren Stolz genährt, und zwar ausgerechnet in dem Moment, der ihre innere Reinigung zeigen sollte. Wahrscheinlich haben sie gerade in diesem Moment – beim Händewaschen – auch gemerkt, dass sie sich die Füße waschen sollten. In Johannes 13 steht nämlich: „Und während des Mahls“. Sie hatten also bereits mit dem Passahmahl begonnen, vielleicht war dies nun direkt nach dem ersten Kelch; das Essen hatte offiziell angefangen. Vielleicht wurde allen beim Händewaschen bewusst, dass auch ihre Füße schmutzig waren. Das Händewaschen war symbolisch, das Füßewaschen war schlicht nötig – besonders, wenn man beim Essen lag und der Kopf nur wenige Zentimeter von den Füßen des anderen entfernt war. Man trug damals Sandalen, die nichts abhielten, darum waren die Füße entweder schlammig oder voller Staub. Es war üblich, dass die Füße gewaschen wurden, wenn man ein Haus betrat. Aber kein Diener hatte das gemacht, und keiner der Jünger wollte sich dazu herablassen, weil sie darüber stritten, wer der Größte ist. Keiner wollte sich zum Diener machen und damit seine Chance auf wahre Größe verlieren.
Aus lauter Stolz taten sie das also nicht. Was in Johannes 13 beschrieben wird, geschah wahrscheinlich genau an dieser Stelle im Passah – es hätte aber genauso gut zu jedem anderen Zeitpunkt passieren können. Jesus stand vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich und wusch den Jüngern die Füße. Damit erteilte er ihnen eine eindrückliche Lektion in Demut, eine eindrückliche Lektion in Liebe, die sich selbst erniedrigt, eine eindrückliche Lektion darin, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen und die Rolle eines Sklaven einzunehmen. Dann sagte er: „Tut, was ich getan habe. Wenn ihr mich Herr und Meister nennt, dann tut, was ich sage, und tut, was ich euch vorlebe.“ Er lehrte sie Demut.
Diese Lektion in Demut war eine deutliche Zurechtweisung ihres Stolzes. Aber Jesus hat sie auch mit Worten zurechtgewiesen. In Lukas 22,25-27 hat er sie buchstäblich wegen ihres Stolzes getadelt. Es sind gerade mal zwei Elemente des Mahls vorbei – der erste Kelch und die Waschung –, und schon sind diese Männer beschämt worden. Sie wurden zur Rede gestellt, sie wurden zurechtgewiesen, sie wurden ermahnt wegen ihres hässlichen Stolzes, ihrer Selbstbezogenheit und ihres Ehrgeizes. Sie sind also schon ordentlich zurechtgestutzt, noch bevor das Ganze richtig angefangen hat. Das solltest du im Hinterkopf behalten. Wenn Jesus jemanden zurechtweist, dann tut er das gründlich. Sie wurden also ordentlich zurechtgewiesen und als stolz und egoistisch entlarvt. Genau das führt zu der Reaktion, die wir später sehen.
Johannes 13 gehört sehr wahrscheinlich genau in diesen Abschnitt der Waschung hinein. Dann kam der dritte Teil des Passahmahls: die bitteren Kräuter. Die bitteren Kräuter standen für die Bitterkeit der Knechtschaft in Ägypten. Sie wurden zusammen mit ungesäuertem Brot und Charosset gereicht, der Sauce, die sie zu Passah zubereiteten. In diese Sauce tunkte man das ungesäuerte Brot und die Kräuter. Dann kam der vierte Teil des Passahfestes: der zweite Kelch. Auch das war Rotwein, mit Wasser gemischt. Wenn der Vater oder der Hausherr – in diesem Fall der Herr selbst – diesen Kelch nahm, erklärte er den Anwesenden die Bedeutung des Passahmahls. Darum nennt man es auch das „Darlegen“ oder „Erzählen”. Die Reihenfolge ist also: der erste Kelch, eine Waschung, bittere Kräuter, ungesäuertes Brot wurde getunkt, ein zweiter Kelch.
Danach wurde gesungen, und zwar das Hallel. Daher kommt unser Wort „Halleluja”, das „Lobpreis” bedeutet. Das Hallel umfasst die Psalmen 113 bis 118, und an dieser Stelle sang man die Psalmen 113 und 114. Nach den ersten beiden Psalmen des Hallel wurde das Lamm hereingebracht. Jetzt kam das eigentliche Mahl. Die bitteren Kräuter und das getunkte ungesäuerte Brot waren so etwas wie eine Vorspeise. Der Hausvater wusch wieder seine Hände, nahm Brotstücke, segnete sie, brach sie und aß sie zusammen mit dem Lamm. Damit eröffnete er das Essen für alle anderen, und sie fingen an, das Lamm zu essen. Genau dort befinden wir uns in der Szene in Vers 21, „während sie aßen“. Sie waren also mindestens bei den bitteren Kräutern, vielleicht sogar schon beim zweiten Kelch. Sie waren schon ein Stück weit mit dem Essen vorangekommen.
Während das Essen weitergeht, kommen wir – nach dem „Festlegen der Zeit“ und dem „gemeinsamen Mahl“ – zu dem, was ich „das Schockieren der Zwölf“ nennen würde. Schau noch einmal in Vers 21: „Und während sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten!“– oder „ausliefern“. Eigentlich steht hier nicht das Wort „verraten“. Die Übersetzer haben es so wiedergegeben, weil Judas ein Verräter war. Aber das Wort bedeutet einfach: „Einer von euch wird mich ausliefern.“ Markus fügt in seiner Parallele in Kapitel 14, Vers 18 hinzu: „Einer von euch, der mit mir isst, wird mich ausliefern.“ Das ist wirklich schockierend. Einer von euch, der mit mir isst, wird mich ausliefern. Ein gemeinsames Essen bedeutete damals in dieser Region, dass man sich als Freund identifiziert. Der Gedanke, mit jemandem zu essen und ihn dann seinen Henkern auszuliefern, war völlig unvorstellbar, denn ein gemeinsames Essen war ein Zeichen der Freundschaft.
Vielleicht erinnerst du dich an Davids Worte in Psalm 55, wo er über einen solchen Verrat nachdenkt: „Denn es ist nicht mein Feind, der mich schmäht; das könnte ich ertragen. Nicht mein Hasser tut groß gegen mich; vor dem wollte ich mich verbergen. Aber du bist es, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter! Dabei hatten wir innige Gemeinschaft miteinander, sind zum Haus Gottes gegangen mit der Menge!“ Damit meint er: Das Unfassbare an diesem Verrat ist, dass du mein Freund warst, nicht mein Feind. Es war unvorstellbar, dass ein Freund so etwas tun würde. Und doch sagte Jesus: Einer von euch, der mit mir isst, wird es tun. Jesus hat immer die Wahrheit gesagt, also wussten sie, dass es einen von ihnen betrifft, und sie waren erschüttert. In Vers 22 heißt es, dass sie sehr betrübt waren. Das ist ein starkes Wort, und beschreibt tiefen Schmerz und tiefe Trauer. Vielleicht flossen Tränen. Es muss sie innerlich gequält haben, Jesus sagen zu hören: Einer von euch, der mit mir an diesem Tisch isst, wird mich ausliefern. Sie waren sehr betrübt.
In der Parallelstelle in Johannes 13,22 heißt es: „Da sahen die Jünger einander an und wussten nicht, von wem er redete.“ Sie wussten nicht, wen er meinte. Sie dachten nicht: „Ach, das ist bestimmt Judas!“ Das sagten sie nicht. Judas war ein äußerst geschickter Heuchler. Er verstand es meisterhaft, den Schein zu wahren. In Lukas 22,23 heißt es sogar: „Und sie fingen an, sich untereinander zu befragen, welcher von ihnen es wohl wäre, der dies tun würde.“ Einer fragte den nächsten: „Wer ist es?“ Der antwortete: „Ich weiß es nicht, weißt du wer es ist?“ Und ein Murmeln ging um den Tisch und sie fragten einer den anderen: Wer ist es? Wer ist es?
Judas war ein Experte im Heucheln. Dass sie ihn zum Schatzmeister gemacht hatten, zeigt, dass sie keinen Zweifel an seiner Integrität hatten. Sie vertrauten ihm ihre Mittel an, auch wenn sie bescheiden waren. Und Jesus hatte nichts getan, um ihn öffentlich zu entlarven. Im Gegenteil, Jesus hatte alles getan, um Judas in seine Nähe zu ziehen. Judas saß am Tisch sogar zu seiner Linken. Laut dem jüdischen Historiker und Gelehrten Edersheim war das der Ehrenplatz. Ihm gab Jesus das getunkte Brot – wieder ein Zeichen der besonderen Ehre. Jesus tat alles, um nicht den Eindruck zu erwecken, er würde Judas verachten, geringschätzen oder hassen. Und er tat nichts, um ihn als Verräter zu entlarven.
Also verdächtigte niemand Judas. Stattdessen „wurden sie sehr betrübt, und jeder von ihnen fing an, ihn zu fragen: Herr, doch nicht ich?“. Vers 22 sagt, dass jeder von ihnen sich diese Frage stellte. Warum waren sie so schnell bereit zu glauben, dass sie selbst der Verräter sein könnten? Das ist sehr leicht zu verstehen und genau darauf wollte ich vorhin hinaus. Sie waren gerade erst wegen ihres hässlichen Stolzes zurechtgewiesen worden, wegen ihrer Sünde, ihres Ehrgeizes, ihres Eigenwillens und ihrer Selbstbezogenheit und das hatte sie tief getroffen. Sie waren beschämt durch die Zurechtweisung Jesu. Und dann waren sie noch einmal beschämt durch die Fußwaschung. Du erinnerst dich, wie Petrus sagte: „Du wirst mir niemals die Füße waschen. Das kommt nicht infrage.“ Dann wies Jesus Petrus zurecht und sagte: „Wenn ich dir nicht die Füße wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir.“ Sie waren also zurechtgewiesen und beschämt worden. Ihre Sünde ist bloßgelegt, sie können sie nicht mehr verbergen und sie sind sich ihrer Schwäche sehr bewusst. In diesem Zustand trauen sie sich selbst nicht mehr und beginnen alle zu fragen: „Ich bin es doch nicht, oder? Ich bin es doch nicht?“ Ihnen ist sehr bewusst gemacht worden, wie sehr sie selbst zum Bösen fähig sind.
Darum stellen sie diese Frage und denken dabei an sich selbst. Das hat etwas Ehrliches an sich. Da steckt Integrität drin. Sie wussten, dass tief in ihrem Herzen ein sündiges Prinzip wirkte. Und sie wussten, dass ihr Innerstes so hässlich war, dass es sie selbst zum Verrat hätte treiben können! Zum Verrat an dem, den sie liebten. William Hendriksen sagt, sie hatten „ein gesundes Selbstmisstrauen“. Aus diesem Grund fragten sie sich: Doch nicht ich? In Vers 23 antwortete Jesus und sagte: „Der mit mir die Hand in die Schüssel taucht,“ – das heißt, der das ungesäuerte Brot oder die bitteren Kräuter in das Charosset taucht – „der wird mich verraten.“ Sie hatten keine Messer oder Gabeln; sie aßen mit den Händen, tunkten das Brot ein, tunkten die Kräuter, tunkten vielleicht das Lamm. Jesus sagt: „Derjenige, der das tut“. Aber das taten sie alle. Sie alle aßen. Sie alle tauchten die Hand in die Schüssel. Damit sagt er: Es ist einer von euch, der hier mitisst, der das Brot tunkt. Es ist einer von euch. In Johannes 13,18 zitiert Jesus Psalm 41,10 und sagt etwas, das diesen Widerspruch deutlich macht: „Doch muss die Schrift erfüllt werden: ‚Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben‘“. Hier geht es natürlich um Ahithophel. In 2. Samuel 16 liest man von Ahithophel, Davids vertrautem Freund, der ihn verriet. Ahithophel ist ein Bild für Judas, den Verräter schlechthin, den Erzverräter, der Jesus Christus verraten hat. Der Elende, der am Tisch saß, das Brot eintunkte, mit Christus aß, sich dann umdrehte und ihn verriet.
Entsprechend heißt es in Lukas 22,21: „Doch siehe, die Hand dessen, der mich verrät, ist mit mir auf dem Tisch.“ Zuerst sagt er also „einer von euch“. Dann sagt er „einer von euch, dessen Hand auf dem Tisch ist“ und „einer von euch, der die Hand in die Schüssel taucht“. Der Schock darüber, dass einer von ihnen so etwas tun könnte, ist kaum zu beschreiben. Aber Vers 24 bringt das ins Gleichgewicht. Jesus ist kein Opfer der Heimtücke eines Narren. Er ist kein Opfer eines Verräters. Sie sollen das wissen – und du und ich müssen das auch wissen! Darum spricht Jesus in Vers 24 und verwendet den Namen, mit dem er sich selbst am häufigsten bezeichnet. Er sagt: „Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht“. Mit anderen Worten: Glaubt ja nicht, dass ich ein Opfer bin. Glaubt ja nicht, dass der Plan schiefgelaufen ist. Glaubt ja nicht, das sei anders gedacht gewesen. Es ist genau das, was Gott in der prophetischen Geschichte vorherbestimmt hatte. Niemand tut mir etwas an, das nicht direkt und unmittelbar Gottes ewigen Plan erfüllt. Darum sagt der Schreiber der Offenbarung: „des Lammes, das geschlachtet worden ist, von Grundlegung der Welt an“. Darum sagt Petrus in Apostelgeschichte 2,23, als er zu Pfingsten predigt: „Jesus, der Nazarener, wurde nicht nur durch eure bösen Hände getötet, sondern nach dem festgesetzten Ratschluss und der Vorsehung Gottes“. Mit anderen Worten: Es ist der göttliche Plan.
Judas war also ein Verräter. Judas wurde zum Verräter, weil er sich dazu entschieden hatte. Judas war ein Verräter, der Gnade abgelehnt hat, das Angebot der Erlösung abgelehnt hat und die Gnade abgelehnt hat, die Christus ihm persönlich angeboten hatte. Judas hat all das abgelehnt. Er hat seine eigenen Entscheidungen getroffen. Und doch war er irgendwie, in Gottes wunderbarer, geheimnisvoller Souveränität, mitten in den Verrat an Jesus Christus hineingeplant, um heilige Zwecke zu erfüllen. So dient ein unheiliger Mann in der Hand eines souveränen Gottes einem heiligen Zweck. Aber das macht ihn nicht zu einem guten Menschen.
In meinem letzten Studienjahr an der Predigerschule habe ich beschlossen, meine Abschlussarbeit über Judas zu schreiben. Ich war erstaunt, in vielen Büchern zu lesen, dass manche Judas als Helden darstellen wollten, den man feiern müsse. Sie meinen, er habe Jesus ans Kreuz gedrängt, um die Prophetie zu erfüllen. Manche haben sich sogar ausgemalt, Judas habe genau gewusst, was er tat, und die Kreuzigung Christi geplant, damit die Welt erlöst werden konnte. Lass dir das nicht einreden.
Wenn du Vers 24 ansiehst, wirst du feststellen, dass Jesus sagt: „Aber wehe“ – oder Verdammnis, oder Fluch – „jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen ausgeliefert wird!“ Dieser Mensch ist ein verfluchter Mensch. Jesus sagte, er war ein Teufel. Die Bibel sagt, er war ein Dieb. Er liebte Geld. Er hat Jesus für Geld verkauft. Das war alles, was er wollte. Er wollte nicht das Reich Gottes herbeibringen. Er wollte nicht die Erlösung der Welt. Er wollte Geld. Das war alles, was ihn interessierte.
Ja, im Alten Testament steht, dass Jesus am Kreuz sterben würde. Psalm 22 handelt von Jesus und beschreibt die Kreuzigung im Detail. Jesaja 53 beschreibt sie erneut. Es stand geschrieben, dass er am Kreuz sterben würde. Es stand geschrieben, dass er für die Sünden der Welt sterben würde, dass er ein Opfer sein würde. Aber obwohl es im Plan des allmächtigen Gottes war, ist der Mensch, der ihn ausgeliefert hat, ein verfluchter und verdammter Mensch. Jesus sagt etwas so Furchtbares über ihn, dass man kaum aussprechen kann, was damit gemeint ist. Am Ende von Vers 24 heißt es: „Es wäre für jenen Menschen besser, wenn er nicht geboren wäre.“ Mit anderen Worten: Besser, nie geboren worden zu sein, als erleiden zu müssen, was dieser Mensch erleiden wird. Besser, der Mensch hätte nie existiert, als für immer in der ewigen Hölle zu existieren. Natürlich wissen wir, dass die Schwere der Strafe in der ewigen Hölle davon abhängt, wie viel man abgelehnt hat. Mit anderen Worten: Je mehr Wahrheit man versteht und ablehnt, desto größer die Strafe in der Hölle. Deshalb trifft die schwerste Verdammnis in der Hölle Judas, der wirklich, wie es in Hebräer 10 heißt, „das Blut des Bundes mit Füßen getreten und für gemein gehalten hat“, der den Jesus Christus abgelehnt hat, mit dem er drei Jahre lang unterwegs gewesen war. Wenn der Herr sagt „verflucht ist dieser Mensch“, dann meint er das mit der ganzen Tiefe und Ewigkeit seiner Bedeutung. Wenn er sagt, es wäre besser, er wäre nie geboren worden, dann meint er genau das. Besser nie existiert zu haben, als die Ewigkeit in den tiefsten Abgründen der Hölle zu verbringen.
Judas handelte also aus eigener Entscheidung, war selbst verantwortlich für seine Verdammnis – und doch fügte er sich vollkommen in Gottes souveränen Plan ein. Das heißt, Gott ist nicht nur Herr über das Gute der Menschen, nicht nur über die Gerechten in der Welt, sondern auch über das Böse und die bösen unter ihnen, um seine eigenen Absichten zu verwirklichen. Jesus sagt in Vers 24 nicht, wer es ist, sondern spricht nur Verdammnis über den Schuldigen aus. Das war in gewisser Weise ein gnädiger Hinweis an Judas – und sogar ein Ruf zur Buße. So sitzen die Zwölf nun da – völlig schockiert –, nachdem sie dieses unglaubliche Wort gehört haben, dass einer von ihnen Jesus an die Herrscher ausliefern wird, damit er getötet wird.
Damit kommen wir zum letzten Gedanken: „die Enthüllung des Verräters“. Vers 25 – und jetzt wird es konkret: „Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Rabbi, doch nicht ich?“ Er musste das sagen. Wenn er geschwiegen hätte, wäre er entlarvt gewesen. Er musste das Spiel mitspielen. Alle stellten diese Frage, also musste er sie auch stellen. Er sieht sich also als Teil der Gruppe, und die Gruppe sagt: „Doch nicht ich?“. Und so stimmt er einfach mit ein: „Doch nicht ich?“, und tarnt damit seine Heuchelei, als könnte er irgendetwas verbergen. Er nennt Jesus ho didaskalos, den Meister, den Rabbi, den Lehrer – doch in Wahrheit bedeutete ihm das nicht mehr als alles andere, was Jesus ausmachte. Er wollte nur Geld und Ruhm. Aber er bekam eine direkte Antwort.
Am Ende von Vers 25 sagt Jesus zu ihm: „Du hast es gesagt. Du hast es gesagt. Es kam aus deinem eigenen Mund. Du hast es gesagt.“ In Johannes 13,23-26 erfahren wir, dass sich Simon Petrus in diesem Moment zu Johannes hinüberbeugte. Johannes saß rechts von Jesus, Judas links. Und Simon sagte zu Johannes: „Frag den Herrn, wer es ist.“ Er hatte dieses kurze Gespräch zwischen Jesus und Judas also gar nicht mitbekommen. Offenbar spielte Judas Jesus gegenüber weiter seine Rolle, während ringsum all das Raunen und die Unruhe herrschten. Also fordert Petrus Johannes auf: „Frag Jesus, wer es ist.“ Darum heißt es in Johannes 13,23-26: „Johannes beugt sich hinüber und fragt: ‚Wer ist es?‘ Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den eingetauchten Bissen geben werde. Und er taucht den Bissen ein und gibt ihn dem Judas“. Johannes wusste Bescheid. Die anderen nicht.
In demselben Abschnitt in Johannes 13 steht, dass sie es nicht wussten, aber Johannes wusste es: Der, dem Jesus den Bissen gab. Jesus sagte es also Judas und er zeigte Johannes, wer der Verräter war. Johannes, seinem geliebten, vertrauten Jünger. Dann lesen wir in Johannes 13,27 das Erschreckendste, das je im Leben von Judas geschah: „Und nach dem Bissen, da fuhr der Satan in ihn.“ Der Satan fuhr in Judas.
Das ist zutiefst erschreckend. Der Teufel selbst nimmt persönlich Wohnung in Judas. Jetzt war er durch und durch höllisch. Er war ein zentrales Werkzeug des gefallenen Engels Luzifer, um sein teuflisches Werk gegen Jesus Christus zu tun. In gewisser Weise war er „ein Opfer“, aber nicht mehr oder weniger als jeder andere Mensch, der Christus ablehnt. Judas war der größte Verbrecher aller Zeiten, in dem der Teufel selbst wohnte. So höllisch, wie es in der natürlichen und übernatürlichen Welt nur möglich ist. Dann sagte Jesus zu ihm: „Geh! Und was du tun willst, das tue bald!“ Wir lesen weiter, dass die Jünger nicht wussten, warum er ihn wegschickte. Einige dachten, er würde noch mehr Essen kaufen gehen, andere dachten, er würde den Armen Geld geben. Sie wussten es also immer noch nicht. Judas wusste es. Jesus wusste es. Johannes wusste es. Die anderen wussten es nicht.
Aber Jesus schickte ihn weg, bevor das eigentliche Essen begann, denn er sollte keinen Anteil am Abendmahl haben. Also wurde er hinausgeschickt. Was für eine unglaubliche Szene der Vorbereitung, als Jesus das letzte Passah feiert. Danach heißt es in Vers 26: „Als sie nun aßen“. Sie kehrten zum Essen zurück, zum Passah.
Warum dieses letzte Passah? Pass hier genau auf, denn es ist wesentlich für dein Verständnis der Schrift. Dies war ein ganz entscheidender Moment in der Geschichte. Das Passah war die älteste jüdische Ordnung, älter als jede andere, außer dem Sabbat selbst. Seit 1.500 Jahren feierten sie das Passah, noch bevor das Priestertum Aarons eingesetzt wurde, noch bevor es die levitischen Rituale und die mosaischen Gesetze gab. Das Passah war uralt. Gott hatte angeordnet, dass es jedes Jahr gefeiert werden sollte, und jeder fromme Jude tat es jedes Jahr. Aber dieses Passah, nach über 1.500 Jahren Passahfeiern, war das letzte von Gott genehmigte und anerkannte Passah überhaupt. Jedes Passah, das nach diesem gefeiert wurde, ist nicht mehr von Gott genehmigt. Es ist ein Überbleibsel einer vergangenen Ordnung, einer nicht mehr existierenden Dispensation, eines Bundes, der nicht mehr gilt. Es ist ein Relikt. Es ist letztlich zwecklos. Jesus feierte dieses Passah, um es zu beenden.
Im Obersaal wurde das Ende der alten Ordnung eingeläutet. Christus beendete die langen Jahre des Passah und begann ein neues Gedächtnismahl, das er in Vers 26 einsetzt. Dieses neue Mahl gehört nicht zur alten Ordnung, sondern zur neuen Ordnung, nicht zum alten Bund, sondern zum neuen Bund, nicht zum Alten Testament, sondern zum Neuen Testament. Es blickt nicht auf ein Lamm in Ägypten zurück, sondern auf das Lamm Gottes auf Golgatha. Jesus beendet also das Alte, bevor er das Neue beginnt. Nachdem er den Schlussstrich unter das Passah der alten Ordnung gezogen hat, führt er das Mahl der neuen Ordnung ein. Dazu kommen wir in Vers 26.
Ich möchte hier nur drei Dinge kurz aufzeigen: die Anweisung, die Lehre und die Dauer. Dieses neue Mahl haben wir schon oft angeschaut, besonders im 1. Korintherbrief, darum müssen wir nicht mehr ins Detail gehen. Wir wollen nur die Szene erfassen. Welche Anweisungen gibt Jesus? „Als sie nun aßen“ – in Vers 21 hieß es schon: „Und während sie aßen“. Wir wissen nicht genau, an welchem Punkt das hier geschah. Vermutlich hatten sie schon den ersten Kelch getrunken, das Brot gebrochen und mit den bitteren Kräutern getunkt. Vermutlich hatten sie den zweiten Kelch getrunken und das Hallel gesungen. Sie waren ein erstes Mal unterbrochen worden durch die Fußwaschung und die Lektionen, die Jesus daraus ableitete. Sie waren ein zweites Mal unterbrochen worden, als Judas weggeschickt wurde. Als sie jetzt anfingen, das Lamm zu essen, war es üblich, dass der Vorsteher des Mahls, der Vater oder in diesem Fall Christus, das Brot nahm, es brach und zusammen mit dem Lamm aß. Damit leitete er das Festmahl ein. Vielleicht passierte Vers 26 genau in diesem Moment. Vielleicht war es, während sie schon das Lamm aßen. Das können wir nicht wissen. Aber irgendwann während des Passah „nahm Jesus das Brot und dankte“. Er dankte Gott für das Brot. Alles, soll mit Danksagung empfangen werden, heißt es in 1. Timotheus 4,4. Er dankt also Gott für seine Versorgung. Nicht nur für die Versorgung mit Essen, sondern auch für Gottes rettende Macht, die in diesem wunderbaren Fest dargestellt wurde. Dann brach er das Brot. Das tat er aus dem einfachen Grund, weil es große, flache Stücke waren, die man brechen musste, um sie zu verteilen. Dann gab er es den Jüngern und sagte: „Nehmt, esst.“
Dann nahm er den Kelch, Vers 27. Der Text sagt hier eigentlich „einen Kelch“. Markus sagt „einen Kelch“, Matthäus sagt „einen Kelch“, Lukas sagt „der Kelch“ und Paulus sagt in 1. Korinther 11 „der Kelch“. Darum kommen wir zu dem Schluss, dass es ein Kelch war, aber er wurde zu dem Kelch. Jesus dankte wieder, eucharisteō – daher stammt unser Wort Eucharistie, weil es „danken“ oder „segnen“ bedeutet. Er dankte also für das Brot. Er dankte für den Kelch, gab ihn den Jüngern und sagte: „Trinkt alle daraus!“ Trinkt alle daraus. Das sind die Anweisungen.
Offen gesagt wäre es zu diesem Zeitpunkt des Mahls nicht allzu überraschend gewesen, solche Dinge zu hören. Er könnte das Brot gleich zu Beginn gebrochen und ausgeteilt haben, als sie anfingen das Lamm zu essen. Es wäre dann nichts Ungewöhnliches gewesen, es hätte sich überhaupt nicht von einem normalen Passah unterschieden. Der Kelch in Vers 27 war wahrscheinlich der dritte Kelch, der auch als „Kelch des Segens“ bezeichnet wurde. Paulus sagt in 1. Korinther 10,16: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht ...“ und so weiter.
Der dritte Kelch beim Passah wurde „Kelch des Segens“ genannt. Paulus bezeichnet ihn in 1. Korinther 10,16 als den „Kelch der Gemeinschaft“, was uns darauf hinweist, dass es wohl derselbe Kelch ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es dieser dritte Kelch war, der „Kelch des Segens“, den der Herr hochhielt. Ein paar Verse später, in 1. Korinther 10,21, ändert Paulus seinen Namen und nennt ihn „Kelch des Herrn”. So wird der „Kelch des Segens“ im Passah zum Kelch des Herrn im neuen Mahl.
Nichts ist also wirklich ungewöhnlich. Er bricht ohnehin das Brot. Er bricht es und gibt es weiter. Das Brechen selbst ist nicht symbolisch. Manche meinen, es stehe für den gebrochenen Körper. Aber der Körper von Christus wurde nie gebrochen. In Johannes 19,36 heißt es: „Denn dies ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde: ‚Kein Knochen soll ihm zerbrochen werden‘.“ Das Brot musste gebrochen werden, um es zu verteilen. Das spielte keine eigentliche Rolle. Die Symbolik liegt nicht im Brechen. Dann wurde der Kelch genommen und ebenfalls gesegnet. Das heißt, es wurde ein Dankgebet gesprochen. Und er wurde weitergereicht. Dann sagte er: „Nehmt, esst“, und „Trinkt alle daraus!“.
Das sind einfache Anweisungen. Übrigens berichtet Markus, dass alle elf Jünger aus dem Kelch tranken. Sie teilten ihn alle miteinander. Genau das ist der Punkt: Alle, die wir zum Tisch des Herrn kommen, haben daran Anteil. Vielleicht ist das heute nicht mehr überall so, aber viele, viele Jahre lang ließ die katholische Kirche nur den Priester aus dem Kelch trinken, niemals das Volk. Das widerspricht völlig der Absicht der Schrift. Wir alle haben Anteil am Blut Christi und am Leib Christi, am Tod und an der Auferstehung Christi und an seinem Tisch. Darum sagt Jesus: „Trinkt alle davon, nehmt alle und esst.“ Und sie haben alle daraus getrunken.
Kommen wir zur Lehre. Was bedeutet dies? Die Anweisung ist einfach. Wenn Jesus nur das gesagt hätte, würden wir denken, wir wären immer noch beim Passah, denn bis dahin war nichts anders. Aber die Lehre kommt am Ende von Vers 26, als Jesus sagte: „Das ist mein Leib.“ Das war etwas völlig Neues. Das ungesäuerte Brot war immer ein Symbol für den Auszug aus Ägypten gewesen, und ein neues Brot zu backen, ohne Sauerteig, zeigte, dass sie nichts aus ihrem alten Leben in Ägypten mitnahmen. Der Sauerteig kam immer von einem vorherigen Laib. Man nahm vor dem Backen ein Stück Teig ab, ließ es gären, und damit setzte man den nächsten Laib an. Es stand für den Einfluss des alten Lebens, wie ich letztes Mal erklärt habe. Das ungesäuerte Brot war eine Art zu sagen: „Wir fangen neu an; das alte Leben hat keinen Einfluss mehr.“ Es war also ein Bild für neues Leben. Es war ein Bild für die Trennung von Ägypten, für die Absonderung von der Weltlichkeit.
Aber jetzt bekommt es eine ganz andere Bedeutung. Jetzt steht ungesäuertes Brot nicht mehr für das, was nicht vom Bösen der Welt beeinflusst ist. Ungesäuertes Brot bedeutet jetzt „mein Leib“, sagt er. Und er wandelt das Passah um. Dafür ist eine Menge Autorität nötig. Man spielt mit etwas, das Gott angeordnet hat. Aber Jesus ist Gott in Menschengestalt, und er kann das Drehbuch umschreiben. Nachdem er die alte Ordnung beendet hat, leitet er jetzt die neue ein und sagt: „Ich will, dass ihr dieses Brot nehmt und esst, als Zeichen meines Leibes.“
Manche denken, dass es wirklich sein Leib ist. Die katholische Kirche lehrt die Transsubstantiation, also dass das Brot tatsächlich, physisch zum Leib Jesu Christi wird. Das sagt dieser Text aber nicht. Das war die lächerliche Vorstellung der Pharisäer in Johannes 6. Sie machten sogar eine alberne Bemerkung wie: „Wenn wir deinen Leib essen, wie soll dann genug von dir für alle da sein?“ So in etwa dachten sie.
Es ging also nicht darum, das wörtlich zu verstehen. Genauso wenig bedeutet die Aussage „Jesus ist der Weinstock“, dass er buchstäblich auf einem Feld wächst und Zweige hätte. Oder „Ich bin das Wasser“, dass er flüssig sei. Das ist bildhafte Sprache. Das steht sinnbildlich für meinen Leib. Es ist ein Symbol für meinen Leib. Lukas 22,19 fügt hinzu: „der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis!“ Paulus zitiert das in 1. Korinther 11,24. Er nimmt also das Brot und es wird zu einem Bild für seinen Leib, ein Symbol, ein Zeichen.
Christus sagt damit: Ich gebe meinen Leib in den Tod für euch. Wie dieses Brot gebrochen und gegessen wird, so wird mein Leib hingegeben. Und ich will, dass ihr das tut, um euch an mich zu erinnern. Dann sagt er in Vers 28 über den Kelch: „Denn das ist mein Blut, das des neuen Bundes“. Matthäus und Markus sagen eigentlich nur „des Bundes“. Lukas und Paulus sagen „des neuen Bundes“. Das Wort „neu“ ist erst später in manchen Abschriften von Matthäus aufgetaucht. Aber was er sagt, ist: „Das ist mein Blut des Bundes.“ Es ist der neue Bund, der neue Bund, der mit seinem Blut geschrieben wurde. Wenn du zu 2. Mose 24,8 zurückgehst, wirst du feststellen, dass das im Grunde ein Zitat ist. Jesus sagt hier, dass Gott Blut verlangte, als er einen Bund mit den Menschen schloss. Als Gott einen Bund mit Abraham schloss, wurde das Blut von Tieren vergossen. Als Gott einen Bund mit Mose schloss, wurde Blut vergossen. Als Gott einen Bund mit Noah schloss, wurde ein Opfer auf einem Altar dargebracht. Gott verlangte Blutvergießen, wenn er mit Menschen einen Bund schloss. Als Gott Versöhnung mit sich selbst bewirkte, war der Preis dafür Blut. So sollten die Menschen erkennen, dass eine Beziehung zu Gott das Blut eines Opfers kostet.
All das deutete auf Christus hin, der dieses Opfer sein würde. Wenn der Priester knietief im Blut von Tausenden und Abertausenden von Lämmern stand, war das für alle eine Erinnerung an den Preis der Versöhnung Gottes mit den Menschen – eine Erinnerung daran, dass Blutvergießen und Opfer nötig waren. Deshalb heißt es in Hebräer 9,22: „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“. Ein Bund mit Gott erforderte nicht nur den Tod, nicht nur einen Schlag auf den Kopf eines Tieres, damit es starb, sondern Blutvergießen, denn das Leben des Fleisches ist im Blut, heißt es in 3. Mose. Das Vergießen des Blutes machte sehr bildlich, sehr schmerzhaft, sehr lebhaft sichtbar, dass Leben genommen wurde. Und so starb Jesus, um uns von unserer Sünde zu erlösen. Aber es hätte nicht gereicht, dass er einfach nur stirbt. Er musste sterben und Blut vergießen – aus den Wunden an seinen Händen, den Wunden an seinen Füßen, der Wunde an seiner Seite und den Dornen-Malen an seinem Kopf. Überall floss Blut, um anschaulich zu zeigen, dass das Leben aus ihm herausfloss, dass er sich selbst als Opfer darbrachte, das Blut für Sünde vergoss.
Darum sagt Jesus: Wenn ihr diesen Kelch nehmt, dann erinnert er euch nicht mehr an das Blut des Lammes in Ägypten, das an die Türpfosten und die Oberschwelle gestrichen wurde. Von nun an soll der Kelch euch an mein Blut erinnern, das vergossen wird. Das Wort „vergossen“ ist der Schlüssel zur ganzen Aussage. Es ist vergossenes Blut. Das ist mein Blut des Bundes, das vergossene Blut, wie es im Griechischen heißt. Es musste vergossenes Blut sein, als anschaulicher und offensichtlicher Beweis dafür, dass Leben ausgegossen wird.
Natürlich wurden wir durch seinen Tod gerettet. Es ist nicht die chemische Beschaffenheit seines Blutes, die uns rettet. Wir wurden durch sein Sterben gerettet, aber er musste dieses Blut vergießen, weil Gott Blutvergießen verlangt hatte, ein Blutopfer. Es musste sichtbar sein, dass das Leben ausgegossen wurde. Darum sagt Jesus: Dieser Kelch wird euch an mein vergossenes Blut erinnern. Achte auf die Worte „für viele“ – wörtlich: „zum Nutzen vieler“. Die vielen sind alle, die glauben, Juden und Heiden. Nicht nur, wie im alten Bund, das vergossene Blut für das Volk Israel, sondern das Blut für Juden und Heiden, für viele, über Israel hinaus, für alle. „Zur Vergebung der Sünden.“ Anders gesagt: Sein Blut wurde vergossen, um Vergebung der Sünden zu bringen. Es war ein stellvertretender Opfertod des Blutvergießens, um Vergebung zu bewirken.
Darum kam Jesus. Und er setzte das Gedenken daran am Abend vor seinem Tod ein. Unser Herr ging also zum Kreuz, um sein Blut als Opfer für die Sünden zu vergießen. Er setzte Brot und Kelch als ewiges Gedenken ein, damit wir uns an seinen selbstaufopfernden Tod des Blutvergießens für uns erinnern. Im alten Bund wurden all diese Tiere geopfert, von denen keines die Sünden wegnehmen konnte. Nur Christi Blut konnte das tun. Darum feiern wir das Mahl hier an diesem Tisch mit Brot und Kelch.
Zum Schluss noch die Dauer. Wie lange sollen wir das tun? Das Passah endete in jener Nacht. Seitdem gab es nie wieder ein von Gott genehmigtes Passahfest. Viele Juden feiern es immer noch. Es mag ein schöner Brauch sein, aber es ist ein totes Fest. Es erfüllt keinen Zweck. Es geht völlig am wahren Erlösungsmahl vorbei. Wenn das Passah also damals geendet hat, wie lange feiern wir dieses neue Mahl? In Vers 29 heißt es: „Ich sage euch aber: Ich werde von jetzt an von diesem Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken“ – das ist nur eine umgangssprachliche Bezeichnung für den Wein, „bis zu jenem Tag, da ich es neu mit euch trinken werde im Reich meines Vaters!“ Damit meint er: Tut dies so lange, bis ich es mit euch im Reich Gottes erneut tun werde – das ist wenn Jesus wiederkommt und Gottes Reich aufrichtet. Das ist das große Ereignis, von dem er in Matthäus 24 und 25 gesprochen hat. Er sagte ihnen hier, dass er sterben würde. Er sprach davon, dass er sein Blut vergießen würde.
Das ist eine ziemlich gewaltige Aussage. Darum fügt er hinzu, dass er wiederkommen wird und das Abendmahl mit ihnen in seinem Reich erneut feiern wird. Keine Sorge, sagt er, ich komme wieder. In Vers 29 bestätigt er die Verheißung seines Reiches: Ich werde es mit euch in meinem Reich feiern. Wenn Jesus wiederkommt und wir in sein Reich eintreten, werden wir dieses Mahl mit ihm feiern. Wir werden uns gemeinsam an sein Opfer erinnern. Gut möglich, dass wir es für alle Ewigkeit feiern werden. Denn diese Erlösung ist unvergesslich und herrlich. Man darf sie niemals ignorieren, sondern muss sie immer feiern.
Er sagt also im Grunde: Tut dies, bis ich es mit euch im Reich meines Vaters tue. Aber die Betonung liegt auf der Zusage: Ich komme wieder und werde den Kelch mit euch trinken. Übrigens berichten alle drei Evangelien, dass der Herr das gesagt hat. Was für eine wunderbare Zusicherung, dass er wiederkommt, um sein herrliches Reich aufzurichten. In Vers 30 heißt es dann, dass sie ein Loblied sangen. Wörtlich heißt es im Griechischen, dass sie Hymnen sangen. Was sangen sie? Sie hatten bereits Psalm 113 und 114 gesungen. Wahrscheinlich sangen sie nun Psalm 115 und vielleicht 116. Dann kam der vierte Kelch, und danach sangen sie wahrscheinlich Psalm 117 und 118 und gingen zum Ölberg. Das war also das letzte Passah und die Einsetzung der Mahlfeier. Versetz dich in diese Nacht, während wir jetzt gemeinsam daran teilhaben. Lasst uns beten.
Herr Jesus, wir knien vor deinem Kreuz und sehen die Hässlichkeit unserer Sünde, unsere Ungerechtigkeit, die dich zum Fluch gemacht hat, das Böse in uns, das den göttlichen Zorn auf dich gebracht hat. O Herr, zeig uns die Ungeheuerlichkeit unserer Schuld durch die Dornenkrone, die durchbohrten Hände und Füße, den geschlagenen Leib, die Sterbensschreie, das Blut – dein Blut, das Blut des Mensch gewordenen Gottes. Wie unendlich muss das Böse in uns sein, wie schwer unsere Schuld, dass sie einen solchen Preis verlangt. Sünde ist wirklich unser Übel. Sie wird schon bei unserer Empfängnis geboren, sie zieht sich durch unser ganzes Leben, sie sitzt tief in unserem Wesen, beherrscht unser Denken und Wollen. Sie folgt uns wie ein Schatten, drängt sich in jeden Gedanken, jedes Motiv und jede Tat. Sie ist wie eine Kette, die uns gefangen hält. Wir fragen: O Gott, warum solltest du uns gnädig sein? Und doch preisen wir dich für das Erbarmen, das sich nach uns Sündern sehnt, für das Herz, das uns zu Hilfe eilt, für die Liebe, die unsere Strafe auf sich nimmt, für die Barmherzigkeit, die unsere Striemen getragen hat. Wir bekennen unsere Sünde. O Herr, wir bitten dich, dass wir demütig leben und ein empfindliches Gewissen haben. Dass wir auch in Herrlichkeit leben dürfen als Erben der Erlösung. Amen.
ENDE
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