Heute Morgen geht es in Matthäus 18 mit der Lehre über Vergebung weiter. Dieses Kapitel zeigt auf, dass Gläubige wie Kinder Vergebung brauchen und erhielt von uns die Überschrift: „Gläubige sind wie Kinder“. Wir haben darin gesehen, dass wir wie Kinder in das Reich Gottes kommen sollen. Wir sollen wie Kinder umsorgt, beschützt und erzogen werden. Und schließlich endet der Abschnitt mit der wichtigen Lehre, dass uns wie Kindern vergeben werden soll. Der Herr lehrt uns hier über Vergebung.
Zum Thema Vergebung gibt es einen Schlüsselvers, den du dir direkt neben Matthäus 18,21 notieren kannst. Und zwar Epheser 4,32. Dort fasst Paulus die Absicht unseres Abschnitts aus Matthäus 18 wunderbar zusammen. Er sagt: „Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig und vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Er fordert uns auf zu vergeben, weil Gott uns so viel vergeben hat. Und dieselbe Absicht verfolgt auch unser heutiger Bibeltext.
Bevor wir uns jedoch mit diesem Text befassen, möchte ich mit ein paar Beispielen eure Gedanken auf das Thema Vergebung einstimmen. Ich erhielt diese Woche einen Brief, den ein kleines Mädchen kürzlich an Dr. James Dobson geschickt hat. Darin stand: „Lieber Dr. Dobson, ich bin zehn Jahre alt und habe ein Problem. Es gibt einen Mann, der versucht, unsere Gemeinde zu spalten. Er ist zufällig der Vater meiner besten Freundin. Wegen ihm erlaubt mir meine Mutter nicht, mit Faith zu reden. Ich habe mit Faith darüber gesprochen. Sie und ich sind verwirrt, warum wir uns nicht treffen dürfen. Wir sind traurig. Warum streiten sie sich? Ihre Antworten finden wir nicht gut genug. Nur weil sie sich streiten, heißt das doch nicht, dass wir das auch tun müssen, oder? Ich bin total verwirrt. Ich weiß nur, dass Faith und ich Freundinnen sind und unsere Eltern nicht. Bitte antworten Sie mir. Liebe Grüße, Karen.“ Das sind Christen, die einander nicht vergeben können und das Leben ihrer kleinen Kinder zerstören.
Vor einiger Zeit veröffentlichte die Los Angeles Times einen interessanten Artikel mit der Überschrift „Ehepaar trifft den Mörder ihrer Tochter und vergibt ihm”. Darin heißt es: „Wir lieben diesen besonderen Menschen von ganzem Herzen“, sagt Frau Bristol über den Mann, der ihre Tochter ermordet hat. Die zierliche Hausfrau aus Dearborn, Michigan, gibt zu, ein wenig nervös gewesen zu sein, als sie vor einer Gruppe von Insassen in der Gefängniskapelle der California Men’s Colony stand. Sie und ihr Mann Bob waren über 3.000 Kilometer gefahren, um Michael Keys zu sehen, der wegen Mordes an ihrer Tochter Diane verurteilt worden war. Die Leiche der damals 20-jährigen Diane wurde im Stadtteil North Park in San Diego gefunden. Sie hatte von Tür zu Tür Enzyklopädien verkauft, als sie entführt und erwürgt wurde.
Das Bristol-Ehepaar sagte, Gott habe sie berufen, zu vergeben. Dies bringt ihnen bei Angehörigen und Freunden manchmal nur Kopfschütteln ein, die das nicht verstehen können. „Wir hegen keinen Hass und keine Rachegefühle“, sagte Frau Bristol am Samstagabend zu den 60 Gefangenen. „Wir wissen, dass Gott aus diesem Schmerz etwas Gutes entstehen lassen kann.“ Sie berichtet, dass es in dem Moment, —als sie und ihr Mann die niederschmetternde Nachricht von der Vergewaltigung und brutalen Ermordung ihrer Tochter erhielten,— sich anfühlte, als hätte man ihnen ein Messer in die Seele gestoßen. Es sei eine ganz normale menschliche Reaktion voll Trauer und Schmerz gewesen.
Keys, der Mörder, gestand den Bristols, dass er ihre Handlung nicht ganz nachvollziehen könne. Dann jedoch erklärte er seinen Mitgefangenen, dass das Wort „Vergebung“ erst durch Menschen wie die Bristols seine Bedeutung erhalten würde. Von Tränen überwältigt wandte er sich an sie, und sagte: „Gott segne euch“, und umarmte alle beide. Frau Bristol sagt: „Am allerglücklichsten würde uns machen, wenn er Jesus Christus annehmen würde.“
Der Richter in San Diego, der Keys zu lebenslanger Haft verurteilt hatte, hatte ein sehr klares Bild über ihn und sagt: „Keys war gerissen, berechnend und gefühllos, der grausamste Mörder, dem ich in meiner Karriere begegnet bin.“ Frau Bristol hingegen sagte über ihn: „Wir sehen diesen Mann als einen Menschen von Wert und Würde. Wir interessieren uns für ihn als Person, nicht wegen dem, was er getan hat, sondern wegen dem, was aus ihm werden kann.“
Das ist eine unglaubliche Geschichte über Vergebung. Warum zeigen Menschen solche extremen Unterschiede in ihrer Fähigkeit, zu vergeben? Auf der einen Seite ist da eine Mutter, die einem gottlosen Verbrecher vergibt, dass er ihre Tochter vergewaltigt und ermordet hat. Auf der anderen Seite können sich zwei Christen in einer Gemeinde ihre kleine Differenzen einfach nicht vergeben. An ihnen sehen wir, dass Vergebung manchmal sehr schwer fällt, wenn wir im Fleisch leben. Aber in unserem heutigen Abschnitt hilft uns der Herr zu verstehen, was es bedeutet, zu vergeben.
Wir alle sollten wie Frau Bristol sein. Es darf nicht passieren, dass mangelnde Vergebungsbereitschaft Gemeinden spaltet. Denn das zerstört neben Beziehungen und Familien besonders die Einheit der Gemeinde. Deshalb gibt uns der Herr wichtige Anweisungen dazu, die wir uns heute noch einmal anschauen werden.
Ich fasse kurz zusammen, was wir bisher besprochen haben: In Vers 21 führt Petrus das Thema der Vergebung ein, indem er fragt, wie oft er vergeben soll, wenn sein Bruder gegen ihn sündigt. In Vers 22 nennt der Herr das Ausmaß der Vergebung, nämlich 490 Mal. Damit meint er, dass Vergebung kontinuierlich und unbegrenzt oft gewährt werden soll.
Um die Auswirkung der Vergebung ging es in Matthäus 6,12-15. Dort sagt der Herr, dass er ihnen nicht vergeben wird, wenn sie einander nicht vergeben. Von der Frage nach der Vergebung, dem Ausmaß und der Auswirkung der Vergebung kommen wir ab Vers 23 zu einem Beispiel für Vergebung. Hier erzählt Jesus ein Gleichnis voller großer Wahrheiten über Vergebung. Es ist an die Jünger gerichtet und warnt diese ebenso wie uns vor der Sünde der Unversöhnlichkeit.
Wir lesen ab Vers 23: „Darum gleicht das Reich der Himmel einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.“ Mit dem Himmelreich ist der Bereich gemeint, in dem Gott herrscht, Gnade und Privilegien schenkt und den Menschen dafür zur Rechenschaft zieht. In unserem Gleichnis ist Gott ein König, der einem Knecht solche Privilegien gegeben hatte. Und nun fordert der König diesen Menschen auf, ihm zu zeigen, wie er mit den Privilegien umgegangen ist. Zur Zeit Jesu war das wahrscheinlich ein sogenannter Satrap, ein Provinzgouverneur. Solchen wurde ein ganzes Gebiet anvertraut, in dem sie Steuern einziehen und dem König übergeben mussten. Dieser hielt mit den Steuergeldern sein gesamtes Königreich am Laufen.
Darum forderte der König in regelmäßigen Abständen Rechenschaft von denen, denen diese Verantwortung übertragen worden war. Der Knecht in unserem Gleichnis steht beispielhaft für jeden Menschen, dem göttliche Privilegien übertragen wurden. Jeder Mensch erhielt von Gott Leben und Atem und alle anderen Fähigkeiten, die er besitzt. Gott gab ihm Wahrheit in sein Herz und um ihn herum, damit er sie erkennen könne. In gewisser Weise ist also jeder Mensch ein Verwalter dessen, was Gott ihm gegeben hat. Darum wird jeder Mensch zu einer bestimmten Zeit vor Gott treten müssen, um Rechenschaft über seine Verwalterschaft abzulegen. Ich hatte schon angesprochen, dass es hier nicht um das Gericht vor dem großen weißen Thron geht, sondern um eine Zeit der Überführung im Leben eines Menschen, in der Gott ihn auffordert, Rechenschaft über sein Leben abzulegen.
Eine Parallelstelle dazu ist Römer 7,7-13, wo Paulus beschreibt, wie er mit der Realität des Gesetzes Gottes konfrontiert wurde. Es überführte ihn von seiner Unzulänglichkeit und er wurde zum Erlöser hingezogen. Damit ist also eine Zeit der Überführung gemeint, wie sie auch Johannes 16,8 beschreibt, wo es heißt: Er wird die Welt „überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und vom Gericht“.
Und so ruft Gott, der König, die Menschen zur Rechenschaft, indem er sie damit konfrontiert, dass sie ihm tatsächlich etwas schulden. Er überführt sie durch die Verkündigung des Wortes, das Lesen der Bibel, das Zeugnis von Christen oder durch eine Kombination aus alldem.
Nun berichtet Vers 24 von einer bestimmten Person. „Und als er anfing, abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war 10.000 Talente schuldig.“ Die 10.000 hier beziehen sich auf eine unzählbare Summe, einen unbezahlbar großen Betrag. Darüber haben wir letztes Mal ausführlich gesprochen. Für heute genügt es, zu sagen, dass er den höchsten Begriff im Griechischen benutzt, mit dem eine Zahl angegeben werden kann. Es ist eine Myriade, oder wie wir sagen würden, es sind zig Millionen Talente Schulden, ein unbezahlbarer Betrag, nach oben offen.
Hier wird ein Mann vor Gott gebracht, der wegen einer Schuld verurteilt wird. Bei der Schuld handelt es sich um seine unzählbar große Sünde, die er nicht abbezahlen kann. Deshalb heißt es in Vers 25: „Weil er aber nicht bezahlen konnte“. Das beschreibt den Menschen vor Gott. Er wird sich seiner Sünde bewusst und begreift, dass er von vornherein nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, die unvorstellbar große Summe zu bezahlen, die er schuldet.
Deshalb ordnet der König an, den Knecht, seine Frau, seine Kinder und alles, was er hat, zu verkaufen, um zumindest etwas zu erstatten. Die Gesamtsumme könnte niemals bezahlt werden, weil sie viel zu hoch war. Aber der Mann würde so viel wie möglich bezahlen müssen, auch wenn das hieß, ihn und alle Mitglieder seiner Familie in die Sklaverei zu verkaufen. Dies war ein heidnischer Brauch, um so viele Schulden zu tilgen wie möglich.
Das Prinzip ist also klar. Menschen werden vor einen heiligen Gott gebracht, wo sie Rechenschaft darüber ablegen müssen, wie sie ihr Leben verwalten. Wie gehen sie mit ihrem Leben und der ihnen gegebenen Wahrheit um? Es wird deutlich, dass sie eine unbezahlbar große Sündenschuld haben. Sie werden verurteilt, diese zu begleichen und haben doch keine Mittel, um dies zu tun. Und nun hätte Gott natürlich die Macht, sie dem Gericht in der Hölle zu übergeben. Dort würden sie die Ewigkeit verbringen, um ihre Schuld abzubezahlen, auch wenn sie nie den vollen Betrag erstatten könnten. Das wäre ein schreckliches, aber gerechtes Urteil, weil die Schuld real ist, mit der der Mensch den König betrogen hat.
Darum wählt der Knecht in Vers 26 den einzigen Weg, der ihm noch bleibt: „Da warf sich der Knecht nieder.“ Hier liegt er nun tief gedemütigt und zerbrochen. Er weiß, dass er am Rande des Gerichts steht. Und deshalb betet er an und bekräftigt die Souveränität des Königs über ihn, indem er ihn „Herr“ nennt: „Herr, habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen.“ Er erkennt an, dass er diese Summe wirklich schuldet und es sich um eine rechtmäßige Forderung handelt. Er erkennt an, dass das Urteil des Königs gerecht ist. Darum bittet er ihn nicht um Gerechtigkeit und nennt ihn auch nicht unfair. Sondern er bittet einfach: „Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen.“
Das ist eine Erkenntnis und Überzeugung, die sehr häufig vorkommt, bevor jemand tatsächlich erlöst wird. Doch das bedeutet immer, dass jemand noch nicht ganz versteht, wie ungeheuerlich groß seine Sünde wirklich ist. So auch bei diesem Knecht, denn sonst würde er nicht anbieten, „alles“ zu bezahlen. Ich bin davon überzeugt, dass niemand wirklich versteht, wie groß die eigene Sünde ist. Und deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass dieser Mann zwar erkennt, dass er Gottes Forderung nicht ganz gerecht wird, denn er verspricht: „Gott, hab einfach Geduld. Lass mich nur diese eine Sache überwinden, und ich verspreche dir, dass ich mich bessern werde. Ich werde in die Gemeinde gehen. Ich werde dir mein Leben geben. Ich werde alles tun, was ich kann.“ Das ist eine sehr häufige Reaktion.
Zum Beispiel verläuft bei jemandem das Leben scheinbar ohne Zwischenfälle und dann passiert etwas sehr, sehr Schlimmes in der Familie. Vielleicht erkrankt eines der Kinder unheilbar oder kommt bei einem Unfall ums Leben. Oder der Ehepartner stirbt oder erkrankt an Krebs im Endstadium oder einer Herzkrankheit. Oder vielleicht verliert man seinen Job. Oder eine Person befindet sich in großer Not in einem Krieg oder einer anderen gefährlichen Situation, zum Beispiel verloren im Wald, oder anderes. Und inmitten dieser extremen Umstände erkennen die Menschen, wie bankrott ihr eigenes Leben eigentlich ist und werden davon überführt. Vielleicht lässt Gott das Evangelium in ihre Gedanken kommen. Vielleicht konfrontiert er sie mit seinem Gesetz oder einer Wahrheit, an die sie sich auf einmal wieder erinnern.
In einem solchen Moment ist es nicht ungewöhnlich, dass jemand sagt: „Wenn du mir nur dabei hilfst, werde ich alles tun, was du willst, Gott.“ Und damit sagen sie eigentlich: „Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen!“ Aber sie verstehen noch nicht wirklich, wie astronomisch groß ihre Sünde ist und dass sie nie in der Lage sein werden, sie zu bezahlen. Trotzdem zeigen sie echte Reue, echte Trauer und echte Zerbrochenheit. Und das sehe ich auch in unserem Knecht.
Der Grund, warum ich das sehe, ist Vers 27: „Da erbarmte sich der Herr über diesen Knecht, gab ihn frei und erließ ihm die Schuld.“ Das ist der Schlüssel zur Auslegung des Gleichnisses. Er erlässt dem Mann die Schuld und gibt ihn frei. Das bedeutet erstens, dass er nicht mehr verpflichtet ist, diese Schuld zu bezahlen. Überhaupt nicht mehr, jetzt nicht und nie mehr wieder. Sie ist ihm erlassen und er würde niemals in die Hölle kommen, um dort für alle Ewigkeit abzuarbeiten, was doch nie bezahlt werden könnte. Er ist frei von dieser Verpflichtung.
Und zweitens wird ihm vergeben. Er wird davon befreit, irgendetwas tun zu müssen; denn der König tut alles, indem er ihm einfach vergibt. Das ist ein Bild für die rettende Gnade Gottes. Der Mann ist von jeder Verpflichtung befreit, und ihm wird vollkommen vergeben. Bei allen möglichen Unklarheiten in diesem Gleichnis ist das auf jeden Fall sonnenklar. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das anders interpretieren könnte, als dass der Mann von seiner Schuld befreit und ihm vergeben wurde. Und das ist das Wesen der Erlösung.
Der König nimmt den Verlust auf sich, und genau das tat auch Christus am Kreuz in seinem eigenen Fleisch. Er selbst bezahlte den Preis für deine und meine Sünden. Und so trägt Gott den Verlust und leidet selbst unter den Folgen. Er selbst bezahlt den Preis, der von einem Menschen niemals bezahlt werden könnte. Und obwohl dieser Mann das Ausmaß seiner Sündhaftigkeit nicht begriffen hat und auch nicht versteht, dass alles allein durch Gnade geschehen kann, sieht Gott in seiner Zerbrochenheit echte Bußfertigkeit und gibt ihm, was er so dringend braucht. Er befreit ihn von der Verantwortung seine Schuld selbst zu bezahlen, und vergibt ihm seine Sünde.
Sobald du das verstanden hast, kannst du auch den Rest des Gleichnisses interpretieren. Nimm also deinen Stift und kreise das Wort „erließ“ ein; oder je nach Übersetzung auch „vergab“. Denn das ist der Kern dessen, was der Herr hier lehrt. Das alles haben wir letztes Mal in einem ersten Überblick über das Gleichnis gesehen. Das war die Grundlage und nun kommen wir ab Vers 28 zu der Hauptbotschaft.
„Als aber dieser Knecht hinausging, fand er einen Mitknecht, der war ihm 100 Denare schuldig; den ergriff er, würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du schuldig bist!” Das ist einfach unglaublich. Man fragt sich: Wie schnell hat dieser Mann vergessen, was ihm vergeben worden war und welches Mitgefühl sein Herr mit ihm hatte? „Dieser Diener“ ging hinaus. Das betont, dass es derselbe Diener ist, dem soeben so viel vergeben worden war. Er ging hinaus und „fand“. Die Idee hier ist, dass er jemanden sucht und nicht zufällig auf diesen Mann stößt. Er will genau diesen Mitknecht finden. Und hier wird ein bedeutungsvolles Wort eingeführt: syndoulon, das bedeutet „Mitknecht“. Ich denke, dass dieses Wort den anderen Mann als jemanden identifiziert, dem ebenfalls vergeben wurde. Es war jemand, der zur Familie gehörte.
Damit führt der Herr im Gleichnis die Gemeinschaft oder Familie der Mit-Geschwister in Christus ein. Und auch in der restlichen Geschichte wird dieser Begriff immer verwendet, um einen christlichen Bruder zu beschreiben. Er findet also einen anderen Mitknecht, der demselben König dient und nicht nur irgendeinen anderen Knecht irgendwo auf der Welt. Meiner Überzeugung nach beschreibt der Begriff „Mitknecht“ hier in diesem Gleichnis die Gläubigen.
Nun ist dieser andere Diener nicht unbedingt von gleichem Rang, sondern arbeitet vielleicht unter dem ersten Diener. Es könnte sein, dass er ein lokaler Steuereintreiber unter dem Provinzgouverneur ist. Aber beide dienen demselben König. Und was dann passiert, ist wirklich absurd. Der erste Knecht geht hin, findet den Mann, packt ihn an der Kehle – im Griechischen heißt es wörtlich, er „würgte ihn“ – und sagt: „Bezahle mir, was du mir schuldig bist!“
Ich möchte hier eine kleine interpretative Überlegung anstellen. Wenn der Mann kein wahrer Christ wäre, wie manche uns glauben machen wollen, dann würde das ganze Gleichnis in seinem Kontext zusammenbrechen. Denn was das Gleichnis so wirksam macht, ist die Tatsache, dass hier ein Mann ist, dem vollständig vergeben wurde, der aber seinerseits nicht vergeben will.
Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass ihm zu Beginn nicht wirklich vergeben wurde. Denn dann macht das ganze Gleichnis keinen Sinn mehr. Wir würden doch von niemandem erwarten, dass er vergibt, wenn ihm selbst nicht vergeben wurde. Wir würden nicht erwarten, dass er sich wie Gott verhält, wenn er Gott nicht in seinem Herzen hat. Wir würden nicht erwarten, dass er dasselbe tut wie Gott, wenn Gott es an ihm nicht getan hat.
Denn dann hätte das Urteil, das am Ende des Gleichnisses über den Mann gefällt wurde, schon in Vers 27 fallen müssen, weil es nichts mehr zu sagen gegeben hätte. Wenn seine Vergebung nicht echt war, wäre das restliche Gleichnis unwichtig. Deswegen ist das hier kein Gleichnis über echte Erlösung. Sondern es ist ein Gleichnis über Vergebung und deren Gültigkeit und darüber, dass ein Gläubiger einem anderen vergeben soll. Und das, was das Gleichnis überhaupt so kraftvoll und dramatisch macht, ist genau diese Tatsache, dass dem Mann wirklich vergeben wurde. Er war wirklich erlöst. Und dann packt er diesen Mann und beginnt, ihn zu würgen.
Säkulare römische Schriftsteller berichten davon, dass Männer zu ihren Schuldnern gingen und sie am Kragen packten, bis ihnen Blut aus Nase und Mund lief. Das ist die alte Methode eines Inkasso-Büros. Man sucht sich einfach einen großen, starken Kerl, der diejenigen würgt, die ihre Schulden nicht bezahlen, um sie zur Zahlung aufzufordern.
Ich verstehe den Kontext hier so, dass ein Christ in der Familie der Gläubigen zu einem anderen geht und verlangt, dass dieser zahlen soll. Vielleicht wurde er tatsächlich beleidigt und die Schuld ist echt. Vielleicht wurde wirklich eine Sünde gegen ihn begangen. Und er will nicht vergeben. Wenn du nun sagst: „Das kann aber kein Christ sein.“, dann lass mich dir sagen, dass Christen durchaus Probleme haben, einander zu vergeben. Das habe ich schon am eigenen Leib erfahren.
Auch Christen haben damit zu kämpfen. Zwar ist unser Leben erlöst, doch trotzdem mischt sich das Fleisch ein. Gibt es jemanden, der dir Geld schuldet? Wie oft hast du diese Person in Gedanken schon erwürgt? Wir alle haben damit Probleme, sogar in der Gemeinde Jesu Christi. Vielleicht sagt jemand etwas zu dir, das dir nicht gefällt, und du meidest diese Person den restlichen Sonntagmorgen. Und jedes Mal, wenn du sie siehst, kommt Wut in deinem Herzen auf. Du hegst Bitterkeit und Groll. Alles kommt wieder hoch, selbst wenn es viele Jahre zurückliegt, weil du es einfach nicht loslassen kannst. Du bist auch als Christ nicht dagegen immun. Die Leute, die nervös werden, weil dieser Gläubige so unversöhnlich ist, haben vielleicht noch nicht erfahren, dass Christen genauso sein können!
Auch in unserer Gemeinde gibt es zurzeit Menschen, die einander nicht vergeben und deswegen alle möglichen Ängste, Schmerzen und Reibereien verursachen. Und das sind Christen. Aber sie können nicht vergeben, weil sie nicht vergeben wollen. Ihr Fleisch will Rache nehmen. Und genau dafür haben wir in unserem Gleichnis ein perfektes Beispiel. Es ist genau wie in 1. Korinther 6, wo die Christen sich gegenseitig verklagten. Wenn es um Streitigkeiten untereinander geht, können auch Christen sich wirklich heftig bekämpfen. Sie können echten Groll und Bitterkeit hegen. Und genau darum geht es hier.
Es sollte uns nicht wundern, dass ein Christ zum anderen sagt: „Bezahle mir, was du schuldig bist!“, weil das ziemlich normal ist. Nun schau dir die Antwort in Vers 29 an. „Da warf sich ihm sein Mitknecht zu Füßen, bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, so will ich dir alles bezahlen!“ Kommt dir das bekannt vor? Der Mann bekommt genau dieselbe Antwort, die er kurz zuvor in Vers 26 seinem Herrn gegeben hatte. Dies sollte seinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Er hatte doch um genau dasselbe gebeten: Um Geduld, damit er eine unvorstellbar große Summe zurückzahlen kann. Und nun steht jemand vor ihm, der ihm 20 € schuldet und er würgt ihn?
Selbst die vertrauten Worte, die jetzt an sein Ohr stoßen, finden keine Resonanz in seinem Herzen. Dabei bittet ihn der andere Mann inständig. Er fleht ihn an und bettelt. Von dem Mitknecht heißt es nicht, dass er vor ihm niederfällt und ihn wie einen Herrscher verehrt. Sondern er antwortet als Diener einem anderen Diener und bittet ihn: „Hör zu, hab ein wenig Geduld, und ich werde dir alles bezahlen“. Und das wäre ja durchaus im Bereich des Möglichen gewesen.
Die Anwendung für uns ist offensichtlich. Die Sündenschuld gegen Gott ist unbezahlbar. Im Vergleich dazu sind unsere Sünden gegeneinander Kleinigkeiten und leicht zu bezahlen. Und der Punkt ist dieser: Wenn du selber eine so große und umfassende Vergebung erfahren hast, wie kannst du dann so kleinlich sein und anderen nicht vergeben?
Deshalb solltest du dir einfach angewöhnen, zu vergeben. Denn es wird nötig sein. Vielleicht willst du ausgerechnet von der Person Vergebung, der du selbst nicht vergeben willst. Es ist unvorstellbar, aber so sind Christen. Das ist der Grund, warum es Reibereien gibt und sich Gemeinden spalten. Unter den Menschen in der Gemeinde fällt vielleicht etwas vor, das dir nicht gefällt. Und anstatt es dem Herrn zu überlassen und zu vergeben und diese Person in Liebe anzunehmen, wirst du bitter. Du projizierst diese Bitterkeit nach außen, was zu Spaltungen führt. So wird Gottes Familie zerstört.
Das kommt häufiger vor, als wir uns eingestehen wollen. Und es kann gut sein, dass die Jünger selbst gerade dabei waren, genau das zu tun. Denn sie hatten sich vorher darum gestritten, wer der Größte im Reich Gottes sein würde. Und um sich über den anderen zu überheben, muss man den anderen im eigenen Herzen herabwürdigen. So konnten sie den anderen klein halten und sich selbst überlegen fühlen. Und vielleicht hegten sie auch Groll.
In Vers 30 antwortet nun der erste Knecht: „Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er alles bezahlt hätte, was er schuldig war.“ Das ist unvorstellbar. Er zeigt keinerlei Mitgefühl. Seine Reaktion ist unmöglich. Er selbst hatte doch Mitleid empfangen, also sollte auch er Mitleid haben. Ihm selbst wurde vergeben, also sollte auch er vergeben. Ihm selbst wurde Liebe entgegengebracht, also sollte auch er lieben. Ihm selbst wurde Gnade zuteil, also sollte auch er Gnade walten lassen.
Die größten Sünden, die ein Mensch gegen einen anderen begeht, sind Centbeträge im Vergleich zu den Sünden, die gegen Gott begangen werden. Gott vergibt alle diese astronomischen Beträge. Und wer ist der Mensch, dass er so geringe Schulden nicht vergeben kann? Der springende Punkt des Verses ist, dass er nicht vergeben will, obwohl ihm vergeben wurde. Das verleiht dem Gleichnis seine Durchschlagskraft. Wie kann einer, dem wirklich vergeben wurde, nicht vergeben? Wir vergessen so leicht, dass Gott uns eine unendlich viel größere Schuld vergeben hat.
Im Titusbrief spricht mich das dritte Kapitel besonders an. Dort sagt Paulus: „Redet nicht schlecht über andere, seid nicht streitsüchtig, sondern seid freundlich und allen Menschen gegenüber sanftmütig.“ Mit anderen Worten: Seid allen Menschen gegenüber vergebungsbereit. „Denn auch wir waren einst unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, dienten mannigfachen Lüsten und Vergnügungen, lebten in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend.“ So waren auch wir früher. „Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, da hat er uns – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit – errettet durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes, den er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesus Christus, unseren Retter.“
Paulus fordert Gläubige auf, Menschen nicht mehr wie früher zu behandeln, sondern anzuschauen, was Christus für sie getan hat. Das ist derselbe Gedanke. Und so wird die Gemeinde leider fortwährend geplagt von der tragischen Sünde der Unversöhnlichkeit und der daraus resultierenden Bitterkeit, Feindseligkeit und Zwietracht. Dabei verstößt das eigentlich gegen unsere neue Natur, weil man ein barmherziger Mensch ist, wenn man im Reich Gottes ist. Schließlich heißt es: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Wir sind in unserem Inneren barmherzige Menschen. Das ist das, was an uns neu ist. Und deshalb ist es nur das Fleisch, das sich erhebt und uns unbarmherzig macht.
Die Quelle deiner Unversöhnlichkeit ist das Fleisch. Wenn du nicht vergibst, kommt das nicht von deinem neuen Ich, sondern es kommt von deiner Sünde, deinem Fleisch, das sich in den Vordergrund drängt. Indem du das zulässt, schneidest du dich von der vergebenden Beziehung mit Gott ab, die die Gemeinschaft so schön macht. Deshalb, wenn du dein Leben betrachtest und es dir an Kraft mangelt und an Tiefe in deinem geistlichen Leben, an Hunger nach Gottes Wort, an Liebe für die zurückgezogene Gebetsgemeinschaft mit dem Herrn, wenn du dich nicht nach einer reichen und erfüllten Beziehung zu Gott sehnst, dann kann es sein, dass du das nicht erfährst, weil es eine Blockade gibt. Vielleicht gewährt der Herr dir nicht die Vergebung, aus der eine süße Beziehung zu ihm erwächst, weil du sie irgendwo anders mit jemand anderem blockiert hast.
Und solange du diesem anderen nicht vergibst, wird der Herr den Segensfluss seiner Gemeinschaft nicht öffnen. Schau dir also an, was in Vers 31 passiert. Da ist wieder der Begriff „seine Mitknechte“. Eine Gruppe von Gläubigen hat gesehen, was geschehen ist. Auf die Gefahr hin, dass ich zu viel in das Gleichnis hineininterpretiere, möchte ich anmerken, dass in einer wahren Begebenheit diese Mitknechte zweifellos schon die ersten zwei Schritte von Matthäus 18,15-20 hinter sich gehabt hätten.
Sie hätten diesen unversöhnlichen Diener gesehen und wären zu ihm gegangen. Dann hätten sie zwei oder drei mitgenommen. Dann hätten sie es der ganzen Versammlung gesagt, und wenn er auch darauf nicht reagiert hätte, hätten sie ihn hinausgeworfen. Sie hätten alles in ihrer Macht stehende getan, um den Mann dazu zu bringen, das Richtige zu tun und die Schuld zu erlassen, unabhängig davon, ob der andere sie zurückgezahlt hätte oder nicht.
Aber offenbar haben sie diese Möglichkeit schon ausgeschöpft. Und dieser Knecht, der entschlossen ist, von diesem Mann seine Schuld einzutreiben, hat sich all ihren Bemühungen widersetzt. „Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt“. Sie waren Augenzeugen des Geschehenen und taten das Einzige, was ihnen noch blieb. Sie hatten Mitleid mit ihm. Das finde ich großartig.
Zwei Dinge stechen hier besonders hervor. Erstens gibt es einen Knecht, der nicht bereit ist zu vergeben, und zweitens gibt es Knechte, die darüber betrübt sind. Letztere handeln im Einklang mit der neuen Schöpfung. Sie sind vergebungsbereit, so wie es normal ist unter denen, denen vergeben wurde. Der andere Fall ist eher die Ausnahme, weil die Menschen Gottes in der Regel darauf bedacht sind, zu vergeben. Und deshalb sind diese gläubigen Menschen betrübt, weil sie Gottes Maßstab kennen. Sie wissen, was ihnen vergeben wurde, und wissen, wie sehr Gott sich nach Vergebung sehnt. Sie verstehen, wie heilig sein Gesetz ist, wie wichtig die Einheit in seiner Familie und wie reich die Gemeinschaft ist. Darum sind sie sehr betrübt.
„Sphodra” ist ein starkes Wort für „Betrübnis“. Es bedeutet „übermäßig betrübt, heftig betrübt“. Doch auch wenn sie sehr bekümmert sind, ist es etwas Schönes, wenn Christen sich um die Sünde eines anderen Christen sorgen. Sie sehen die mangelnde Reaktion auf das Wort Gottes, den Willen Gottes und sind heftig betrübt. Denn das stört die Gemeinschaft. Darum kamen sie voller Traurigkeit und „berichteten ihrem Herrn den ganzen Vorfall.“
Was tust du, wenn du alle Schritte der Züchtigung unternommen hast und die Person reagiert immer noch nicht? Wohin gehst du dann? Du gehst zum Herrn, nicht wahr? Diese Menschen treten mit gebrochenem Herzen vor Gott. Das ist ein wunderschönes Bild. Wenn Gläubige sich immer so sehr um die Sündhaftigkeit der anderen sorgen würden, würde das so viel Heilung innerhalb der Gemeinde bewirken. Sie suchen die Gegenwart des Königs und berichten ihm alles. Und das Wort, das hier für „berichteten“ verwendet wird, ist ein starkes Wort. Sie geben ihm einen sorgfältigen, detaillierten Überblick über alles. Das Wort für „berichteten“ ist in der Tat so komplex, dass das wiederum darauf hinweist, dass sie den gesamten Prozess durchlaufen haben müssen.
Sie erzählen ihm alles, was geschehen ist. Sie schildern den gesamten Vorgang und sagen: „Wir haben alles versucht, um diese Angelegenheit zu klären, und kommen nun als letzten Ausweg zu dir. Wir sind so traurig über diesen unversöhnlichen Knecht.“ Das ist Gottes Volk, das sich wegen eines sündigen Bruders oder einer sündigen Schwester im Gebet an den Herrn wendet. Und auch wir haben die Verantwortung, das auf diese Art und Weise vor den Herrn zu bringen.
Sie reagieren also mit Trauer. Vers 32 zeigt uns die Reaktion des Königs: „Da ließ sein Herr ihn kommen und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest“. Hier halten wir kurz an. Gottes Haltung ist anders. Er sagt zu ihm: „Du böser Knecht.“
An dieser Stelle sind sich manche Leute sicher, dass es sich niemals um einen Christen handeln könne, weil Gott mit einem Christen niemals so reden würde. Doch was ist Bosheit? Sünde. Wir haben doch kein Problem damit, wenn Gott zu einem Christen sagen würde: „Du sündiger Mensch.“ Und hier schließt sich der Kreis. Sünde ist Bosheit, weil du auf eine böse Weise handelst. Heute Abend werden wir in Römer 7 sehen, dass auch Paulus zugibt, ein Sünder zu sein, obwohl er gläubig ist. Und so stellt der Herr einfach fest, was über diesen Mann wahr ist:
Alle Ungerechtigkeit ist Sünde, deshalb ist er ein sündiger Mensch. Und dann bekräftigt er erneut das Grundprinzip des gesamten Gleichnisses, indem er sagt: „Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen“. Das kannst du dir ganz dick unterstreichen. Es ist der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. „Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen“. Er zuckt nicht mit den Schultern und sagt: „Das hat wohl nicht funktioniert“, oder „Vielleicht habe ich dir ja doch nicht vergeben“. Nein. Er bekräftigt, dass die vollständige Vergebung wirklich stattgefunden hat, „weil du mich batest.“
Der König sagt: „Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest; solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen?“ Wenn nun die Vergebung im ersten Schritt nicht legitim gewesen wäre, wäre dieser Punkt bedeutungslos. Sagt er denn zu ihm: „Wenn meine Vergebung bei dir nicht gegriffen hat, dann musst auch du keinem anderen vergeben?“ Nein, das sagt er nicht, also muss die erste Vergebung echt gewesen sein, und darauf baut die zweite Vergebung auf.
„Solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe?“ Lenski nennt es eine moralische Ungeheuerlichkeit, dass jemandem so vergeben wurde und er dennoch unfähig ist, einem anderem zu vergeben. Schau dir Vers 33 an. „Solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen“? Er verwendet das Wort „Erbarmen“ oder „Mitleid“. Das ist ein schöner Gedanke. Er sagt nicht zu ihm: „Du hättest dem Mann die Möglichkeit geben sollen, seine Schulden zurückzuzahlen. Du hättest ihn in Freiheit arbeiten lassen sollen, ohne ihn ins Gefängnis zu stecken. Du hättest auf irgendeine andere Art und Weise versuchen sollen, zu deinem Recht zu kommen.“ Sondern er sagt: „Du hättest Mitleid und Erbarmen haben sollen, so wie ich es hatte.“ Und wie sah sein Mitleid aus? Er befreite ihn von der Schuld und erließ sie ihm, indem er den Verlust auf sich nahm. Und er vergab ihm.
Das ist das Befreiendste, was es überhaupt gibt. Vielleicht steht jemand bei dir in der Schuld, weil er dich verletzt oder verärgert hat. Er hat dich beleidigt, indem er etwas Unwahres über dich oder deine Frau gesagt hat. Vielleicht hat er dich auch finanziell betrogen oder dir etwas gestohlen. Und du lässt diese Sache innerlich immer weiter auf kleiner Flamme köcheln und sinnst auf Rache. So soll es nicht sein. Sondern du sollst Mitgefühl haben, weil der andere schwach ist.
In Galater 6,1 heißt es: „Gib dabei acht auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst!“ Du sollst an die Schwäche des Anderen denken und mitfühlen, wenn er um Vergebung bittet. So wurde mit dir umgegangen, als du um Vergebung batest und das sollst du auch tun.
In Vers 34 kommen wir schließlich zum Kern der Sache. „Und voll Zorn übergab ihn sein Herr“. Auch hier wird häufig in Frage gestellt, ob sich das auf einen Christen beziehen kann. Kann der Herr auf einen Christen zornig sein? Natürlich. Der Herr wird jedes Mal zornig, wenn du sündigst, weil ihn Sünde zornig macht. Denn wenn er nicht zornig wäre, wäre etwas mit seiner heiligen Natur nicht in Ordnung. Er wird immer zornig über die Sünde. Das ist seine natürliche Reaktion. Der Herr empfindet heilige Empörung über das Böse, sogar in deinem und meinem Leben.
„Und voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er alles bezahlt hätte, was er schuldig war.“ Wie ist das zu verstehen, dass hier ein Christ den Folterknechten übergeben wird? Schau dir dazu einmal Hebräer 12,5 an.
Dies ist an gläubige Kindern Gottes gerichtet: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.“ Irgendwann werden die Folterknechte auf jeden Christen Druck ausüben, bis dieser seine Sünde bekennt und Buße tut.
„Wenn ihr Züchtigung erduldet, so behandelt Gott euch ja als Söhne; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, an der sie alle Anteil bekommen haben, so seid ihr ja unecht und keine Söhne!“ Deshalb spürt jeder Christ die Schläge der Folterknechte. Vielleicht fragst du dich nun, worauf ich eigentlich hinaus will? Mein Punkt ist, dass die Folterknechte dich sozusagen unter Druck setzen, wenn du jemandem nicht vergibst, indem sie dich in Stress bringen und Schwierigkeiten auferlegen. Damit beabsichtigt der Herr, dass du deine Sünden und deine Bosheit bekennst.
Am Ende von Vers 34 heißt es, dass die Züchtigung erfolgen solle, „bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.“ Damit ist gemeint, dass du als richtige Reaktion auf die Züchtigung Bußfertigkeit zeigen sollst. Doch auch die könnte niemals die gesamte Schuld bezahlen, weder für einen Gläubigen, noch für einen Ungläubigen.
An diesem Punkt kommt das Gleichnis inhaltlich an seine Grenzen, um die geistliche Wahrheit in ihrem ganzen Umfang zu vermitteln. Es wird einfach nur aufgezeigt, dass man den bösen Knecht durch Züchtigung unter Druck setzen soll, bis er bezahlt, was er angesichts seiner Handlung bezahlen muss. Mehr wird damit nicht gesagt.
Und das ist nichts Neues für uns. In 1. Korinther 11 heißt es, dass einige unter den Korinthern schwach waren. Sie hatten aufgrund von Krankheit buchstäblich ihre körperliche Kraft verloren und einige waren sogar verstorben. In 1. Johannes 5 wird eine Sünde erwähnt, die zum Tod führt. Und 1. Korinther 5 bezieht sich auf einen Gläubigen, der aus der Gemeinde ausgeschlossen und dem Satan übergeben wird „zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde“.
So züchtigt Gott jeden Sohn, den er liebt, indem er ihn den Folterknechten übergibt, bis er seine Sünde zugibt und bekennt. In diesem Fall ist es die Sünde der Unversöhnlichkeit.
Vielleicht fragst du dich, warum es in deinem Leben Probleme gibt und Dinge schief laufen. Du spürst, dass durch Folterknechte Druck auf dich ausgeübt wird und du gezüchtigt wirst. Du bist nicht so frei oder froh, wie du als Kind Gottes sein könntest. Wenn das der Fall ist, solltest du dringend in deinem Leben nachforschen, ob du nicht einen unversöhnlichen Geist in dir trägst. Und solange dieser da ist und du nicht so vergibst, wie Gott dir vergeben hat, so großmütig, mitfühlend und vollständig, wirst du keine Erleichterung von diesen Folterknechten erfahren.
Das sagt das Gleichnis ganz klar und deutlich aus. Der Sünder wird Gott zufriedenstellen, indem er bezahlt, was bezahlt werden kann. Er kann die Schuld begleichen, wenn er zerbrochen, reumütig und von Herzen bußfertig ist. Damit ordnet er sich im Gehorsam unter und die Gemeinschaft wird wiederhergestellt. Die Züchtigung hat also in gewisser Weise die Aufgabe, uns dazu zu zwingen, zu bezahlen. Dabei hat sie nicht nur die Bezahlung der Strafe im Blick, sondern zielt auf unsere Läuterung ab. Auch du bestrafst dein Kind nicht nur um der Strafe willen. Wenn es etwas Schlimmes tut, schlägst du es nicht einfach, um eine Strafe zu vollstrecken. Sondern du tust es mit dem Ziel, sein Verhalten zu ändern, so dass es das nächste Mal das Richtige tut. Und Gott tut genau dasselbe mit dir.
Darum ist das für uns Christen ein sehr kraftvoller Abschnitt. Vers 35 fasst ihn noch einmal zusammen: „So wird auch mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen seine Verfehlungen vergebt.“ Und auch hier ist mit „euch“ die Gruppe der Jünger gemeint, die wahrhaft gläubig sind. Jesus kann das überhaupt nicht zu Ungläubigen sagen, denn sie können gar nicht wie Gott vergeben.
Es handelt sich hier also um Christen, denen er sagt: Vergebt lieber so, wie euch vergeben wurde, sonst werdet ihr gezüchtigt.
Zwei Dinge fallen in diesem Gleichnis besonders auf. Es gibt einen positiven und einen negativen Grund, weshalb du vergeben solltest. Der positive Grund ist, dass du vergeben solltest, weil dir so viel vergeben wurde. Der negative Grund ist: Du solltest vergeben, weil du sonst bestraft wirst. Das ist ein sehr kraftvolles Wort, und es richtet sich an uns Gläubige.
Lord Herbert sagte einmal: „Wer anderen nicht vergeben kann, zerstört die Brücke, über die er selbst gehen muss.“ Und vor langer Zeit sagte ein alter Heiliger: „Rache scheint den Menschen oft süß zu sein, aber oh, sie ist nur gezuckertes Gift, nur gesüßte Galle, und ihr Nachgeschmack ist höllisch. Nur vergebende, ausdauernde Liebe ist süß und glückselig. Sie genießt Frieden und das Bewusstsein der Gunst Gottes. Durch Vergebung gibt sie die Verletzung preis und vernichtet sie.
Sie behandelt den Verletzer so, als hätte er nicht verletzt, und spürt daher nicht mehr den Schmerz und den Stich, den er zugefügt hat. Vergebung ist ein Schutzschild, von dem alle feurigen Pfeile des Bösen harmlos abprallen. Vergebung bringt den Himmel auf die Erde und den Frieden des Himmels in das sündige Herz. Vergebung ist das Abbild Gottes, des vergebenden Vaters, und ein Fortschritt des Reiches Christi in der Welt. Ihre unveränderliche Pflicht ist klar. So sicher, wie wir Christen sind, Menschen, die großes Mitgefühl erfahren haben, die in jedem Menschen einen Bruder in Christus sehen und auf Gottes gerechtes Urteil zugehen, so sicher müssen wir vergeben“, Zitatende.
Ein großartiger Kommentator dieses Gleichnisses ist William Arnot, der Folgendes schrieb: „Ein Reisender in Burma fand, nachdem er einen bestimmten Fluss durchwatet hatte, seinen Körper von einem Schwarm kleiner Blutegel bedeckt, die eifrig sein Blut saugten. Sein erster Impuls war, die Quälgeister von seinem Fleisch zu reißen, aber sein Diener warnte ihn, dass er sein Leben in Gefahr bringen würde, wenn er sie mit mechanischer Gewalt abziehen würde. Sie durften nicht abgerissen werden, damit keine Teile in den Wunden zurückbleiben und zu einem Gift werden könnten. Sie mussten von selbst abfallen, dann wären sie harmlos.
Der Einheimische bereitete seinem Herrn ein Bad aus einer Kräutermischung zu und wies ihn an, sich hinein zu legen. Sobald er in dem Balsambad gebadet hatte, fielen die Blutegel ab. Jede unvergebene Verletzung, die im Herzen schwelt, ist wie ein Blutegel, der das Lebensblut saugt. Die bloße menschliche Entschlossenheit, damit Schluss zu machen, wird das Böse nicht entfernen. Du musst dein ganzes Wesen in Gottes vergebender Gnade und Liebe baden, dann werden diese giftigen Kreaturen sofort ihren Griff lockern und du wirst frei aufstehen.“
Das Gleichnis sagt, dass du erkennen musst, wie viel dir vergeben wurde. Du kannst lange herumstehen und für die Einheit des Geistes und das Band des Friedens beten, aber du wirst es erst erfahren, wenn du lernst, zu vergeben.
Vergebung hat drei Stufen: Stufe eins ist das Leiden. Jemand tut dir etwas an, du bist verletzt und gekränkt und leidest. Leiden ruft das Bedürfnis nach Vergebung hervor und schafft damit die Grundlage. Stufe zwei ist die Operation. Das ist die innere Reaktion, bei der der Vergebende eine geistliche Operation in seinem Gedächtnis durchführt, so wie Gott es getan hat, der sich nicht mehr an unsere Sünden erinnert. Natürlich hast du gelitten. Aber jetzt schneidest du in einer Operation all diese Dinge aus deinem Gedächtnis heraus. Dazu bist du in der Lage durch die Kraft Gottes und indem du über seine Vergebung nachsinnst. Stufe drei ist der Neuanfang. Vergebung ist dann vollständig, wenn einander entfremdete Menschen wieder vollkommen versöhnt sind.
Zu vergeben bedeutet nicht, zu vergessen. Denn dein Verstand hält lange daran fest. Es bedeutet auch nicht, dass du die Sünde oder das Unrecht entschuldigst. Es bedeutet, dass du den schmerzhaften Kreislauf beendest und die Beziehung wiederherstellst. Damit tust du, was unser gnädiger Herr will. Wir sind Kinder in der Familie Gottes, meine Lieben. Wir sind wie Kinder hineingekommen, wir müssen wie Kinder umsorgt, wie Kinder beschützt, wie Kinder erzogen werden. Und wir müssen einander wie Kindern vergeben, weil wir nur unvollkommene Menschen sind. Wenn wir das tun, sind wir eine Gemeinschaft von vergebungsbereiten Menschen und werden uns sehr von der Welt unterscheiden.
Ich komme zum Schluss. 1976 schrieb Simon Wiesenthal ein Buch mit dem Titel „Die Sonnenblume”. Es beschreibt seine Zeit als Jude unter dem Hitlerregime. Hier ist seine Geschichte: Wiesenthal war Häftling im Konzentrationslager Mauthausen in Polen. Eines Tages wurde er beauftragt, den Müll aus einer Scheune zu entfernen, die die Deutschen zu einem Krankenhaus für ihre verwundeten Soldaten umfunktioniert hatten. Gegen Abend nahm eine Krankenschwester Wiesenthal bei der Hand und führte ihn zu einem jungen SS-Soldaten, der in einem der Betten lag. Sein Gesicht war mit eitrigen Lappen verbunden, und seine Augen waren hinter dem Verband versteckt. Er war vielleicht 21 Jahre alt.
Er ergriff Wiesenthals Hand, umklammerte sie mit aller Kraft, die ihm noch blieb, und sagte, er müsse mit einem Juden sprechen. Er könne nicht sterben, bevor er die Sünden, die er an hilflosen Juden begangen hatte, gestanden habe, und er müsse von einem Juden Vergebung erhalten, bevor er sterben könne. Und so erzählte er Wiesenthal eine schreckliche Geschichte, wie sein Bataillon Juden erschossen hatte – Eltern und Kinder - die aus einem von SS-Soldaten in Brand gesetzten Haus zu fliehen versuchten.
Und dann flehte er Wiesenthal, einen Juden, an, ihm zu vergeben. Nun, Wiesenthal hörte sich die Geschichte des Mannes an, zuerst die Geschichte dessen unschuldiger Jugend und dann die Geschichte dessen Beteiligung an den grausamen Morden. Und am Ende zog Wiesenthal seine Hand zurück und ging schweigend hinaus. Er sprach kein Wort und er gewährte keine Vergebung. Wiesenthal wollte und konnte nicht vergeben. Er beendet seine Geschichte in dem Buch mit dieser Frage: „Was hätten Sie getan?“
32 prominente Persönlichkeiten, überwiegend Juden, gaben ihre Antworten auf diese schwierige Frage. Sie sagten, Wiesenthal habe Recht gehabt, dem SS-Soldaten nicht zu vergeben. Das wäre ungerecht gewesen. Warum sollte ein Mann, der solche monumentalen Gräueltaten begangen hatte, auf seinem Sterbebett ein schnelles Wort der Vergebung erwarten? Und welches Recht hätte Wiesenthal gehabt, dem Mann das Böse zu vergeben, das er anderen Juden angetan hatte?
Wenn Wiesenthal dem Soldaten vergeben hätte, hätte er damit ausgedrückt, dass der Holocaust nicht so schlimm gewesen sei. Einer der Befragten sagte gar: „Der SS-Soldat soll zur Hölle fahren“. So ist es draußen in der Welt, aber in Gottes Familie nicht. Uns wurde vergeben, deshalb sollen wir vergeben. Lasst uns zum Gebet niederknien.
Du kannst am Ende unseres Gottesdienstes einen Moment lang dein Herz betrachten und Gott fragen, ob Unversöhnlichkeit darin ist. Wenn du gelitten hast, hast du mithilfe seiner Kraft die erforderliche Operation durchgeführt? Und dann die Beziehung neu aufgebaut? Vielleicht musst du sogar noch weiter zurückgehen. Bist du zu Jesus Christus gekommen und hast dich deiner unbezahlbaren Schuld gestellt? Bist du niedergefallen und hast ihn angebetet? Hast du deine Schuld eingestanden und um Vergebung gebeten? Er wird dir heute vergeben, und dich zu einem vergebenden Menschen machen, wenn du ihn darum bittest.
Doch auch bei uns Christen, die wir vergeben und die Barmherzigen dieser Welt sind, kann sich das Fleisch erheben. Unser Fleisch ist so hässlich, wenn es versucht, das Gute in uns zu überwältigen und uns unversöhnlich zu machen. Unversöhnlichkeit ist, wenn dich etwas stört und daran hindert, einen Menschen uneingeschränkt zu lieben. Das errichtet eine Barriere zwischen dir und deiner Gemeinschaft mit dem Herrn, was wiederum der Grund dafür sein könnte, dass Freude und Kraft in deinem Leben fehlen. Alles in allem ist das eine sehr praktische Wahrheit.
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