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Wir beschäftigen uns nun schon seit einigen Monaten mit Matthäus 18. Heute kommen wir mit den Versen 21-35 zum letzten Abschnitt dieses Kapitels. Und wir werden das Thema, — das hier behandelt wird —, in zwei Lektionen aufteilen. Bisher lehrte der Herr in diesem großartigen 18. Kapitel darüber, dass Gläubige wie Kinder sind. Während er das tat, hielt er ein Kind im Arm. Das sehen wir in Vers 2. Dieses Kind verwendete er als lebendiges Beispiel, — als Analogie, wenn man so will —, für die Kindhaftigkeit des Gläubigen. Davon ausgehend begann er zu lehren, welche Elemente das umfasst.

Zunächst sollen wir wie Kinder in das Reich Gottes eintreten. In Vers 3 heißt es: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.“ Zweitens sollen wir wie kleine Kinder beschützt werden. Dazu heißt es in Vers 6: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Anstoß zur Sünde gibt, für den wäre es besser, dass sein großer Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ Und weiter heißt es in Vers 10: „Seht zu, dass ihr keinen dieser Kleinen verachtet! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel schauen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“ Drittens zeigen dann die Verse 12-14, dass sich der Sohn des Menschen und ebenso der Vater im Himmel um solche Gläubige kümmern.

Wir sollen also wie Kinder in das Reich Gottes kommen und wie Kinder beschützt und umsorgt werden. Die beiden letzten Male sprachen wir dann davon, dass wir auch wie Kinder erzogen werden müssen. Das sehen wir ab Vers 15. Wenn einer von uns sündigt, soll er oder sie von den anderen korrigiert werden mit dem Ziel der Wiederherstellung.

Nun kommen wir zu Vers 21 und sehen dort, dass uns wie Kindern vergeben werden soll. Kindern gegenüber sind wir sehr tolerant, weil wir ihre Schwächen verstehen. Wir haben Verständnis dafür, dass sie noch nicht vieles wissen und deshalb vieles noch nicht können. Wie ein Kind zu sein bedeutet, dass du Fehler machen wirst. Es wird Zeiten geben, in denen du das Falsche tust. Du bist noch dabei, zu reifen, erwachsen zu werden und dein Verhalten zu ordnen. Aber wenn du sündigst und gezüchtigt wurdest, dann soll dir auch vergeben werden, so wie Kindern vergeben wird.

Menschen fällt es leicht, Erwachsenen gegenüber Groll zu hegen. Aber Kindern gegenüber ist das eher ungewöhnlich. Wir neigen dazu, Kindern ziemlich schnell zu vergeben, während es uns bei Erwachsenen oft schwer fällt. Trotzdem sind wir im geistlichen Sinne wie Kinder und müssen als solche behandelt werden. Daran erinnert uns diese Passage. Wir brauchen ständig dieselbe gnädige Vergebung wie ein Kind.

Vergebung ist eine sehr große Tugend. Ich glaube wirklich, dass sie der Schlüssel zur Einheit der Gemeinde ist. Sie ist der Schlüssel zur Liebe und dadurch der Schlüssel zu sinnvollen Beziehungen. Vergebung reißt ständig Barrieren nieder, die durch Sünde aufgebaut werden. Denn Sünde möchte uns abschotten, indem sie uns voneinander trennt und bitter, wütend und rachsüchtig macht.

Darum ist Vergebung ein so großartiges Konzept. In Sprüche 19,11 heißt es sogar: „Es ist ihm eine Ehre, Vergehungen zu übersehen.“ Wenn du also die beste Seite des Menschen sehen möchtest, dann schau dir seine Fähigkeit an, ob er vergeben kann. Er vergibt, indem er eine Übertretung übersieht und eine Sünde oder etwas Böses vergisst. Für Christen geht Epheser 4,32 sogar noch einen Schritt weiter. Dort heißt es, dass wir einander vergeben sollen, „gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Weil wir in Christus Gottes Vergebung erfahren haben, sollen auch wir anderen vergeben. Kolosser 3,13 drückt denselben Gedanken mit folgenden Worten aus: „Vergebt einander, gleichwie Christus euch vergeben hat.“ Es ist also jedem Menschen eine Ehre, anderen zu vergeben, und ganz besonders einem Christen, dem Gott durch Christus so viel vergeben hat. Und wenn das so ist, dann sollten wir wirklich sehr darauf bedacht sein, anderen zu vergeben.

Auch im Alten Testament findet man eine erhabene Sichtweise auf die Vergebung. Zum Beispiel müssen wir Josef in 1. Mose 50 großen Respekt zollen. Er vergab seinen Brüdern und sagt gegen Ende des Kapitels in Vers 20 zu ihnen: „Ihr gedachtet mir zwar Böses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen! Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ Seine Brüder hatten ihn in eine Grube geworfen, in die Sklaverei verkauft und behandelt, als wäre er tot. Doch Josef vergab ihnen alles.

Auch David nötigt uns Respekt ab, wie er sich Saul gegenüber zärtlich und sensibel zeigt und ihm vergibt. Saul hatte alles daran gesetzt, David zu töten. Doch als David ganz leicht den schlafenden Saul mit seinem Schwert hätte erschlagen können, tat er es nicht. Sondern 1. Samuel 24,7 bringt zum Ausdruck, dass er von Herzen bereit war, zu vergeben. Und ein Kapitel weiter ist David erneut ein Vorbild für Vergebung. Dort vergibt er Nabal um seiner Frau Abigails Flehen willen. Und dann gibt es natürlich noch den sehr bekannten Text in 2. Samuel 19, wo Simei David verflucht hatte und Davids Freunde ihn auffordern, diesen zu töten. Stattdessen vergibt David dem Mann.

Vergebung ist dem Menschen eine Ehre. Sie ist die höchste menschliche Tugend. Zeige mir einen Menschen von Ehre und mit einem noblen Charakter, und ich zeige dir einen Menschen, der vergeben kann. Zeige mir dagegen einen Menschen, der tief unten in seiner Seele bitter ist, und ich zeige dir einen Menschen ohne Charakter. Zeig mir einen Menschen, der seine rachsüchtige, verbitterte, feindselige und hasserfüllte Haltung gegenüber jemand anderem nicht loslassen kann, und ich zeige dir einen Menschen, der weder Ehre kennt, noch die Vergebung Gottes für sich selbst versteht.

Das Beste, was ein Mensch also tun kann, ist, zu vergeben. Denn Gott selbst ist es eine Herzensangelegenheit, zu vergeben. Deshalb entspricht ein Mensch, wenn er vergibt, dem Ebenbild Gottes. Das strahlt er auch aus. Vergebung ist eine so grundlegende Eigenschaft von Gottes Herz, dass sie auch für die Herzen der Kinder Gottes grundlegend sein sollte. Anders ausgedrückt solltest du lernen, zu vergeben, weil es nötig sein wird. Denn sowohl die anderen Menschen, als auch du selbst werdet es brauchen, dass euch vergeben wird. Alle Menschen brauchen Vergebung, weil wir schwach sind und unwissend und egoistisch. Wir neigen dazu, ungehorsam zu sein, weshalb wir oft Vergebung brauchen. So sind wir Menschen.

In unserem Text in Matthäus 18 hat unser Herr gerade einen Abschnitt über die Züchtigung von Sündern abgeschlossen. Daran knüpft er meisterhaft an mit einem Abschnitt über die Vergebung. Letztes Mal lasen wir von einem Mann in der Gemeinde von Korinth, der gesündigt hatte und von seinen Mitgläubigen bestraft worden war. Anschließend sagt Paulus in 2. Korinther 2,6 zu ihnen: „Für den Betreffenden sei die Bestrafung vonseiten der Mehrheit genug“. Das heißt, dass sie diesen Mann genug bestraft und ihren Standpunkt ausreichend klar gemacht hatten. Sie hatten getan, was getan werden musste, um seine Sünde zur Sprache zu bringen und ihn zu züchtigen. Und in Vers 7 sagt er weiter: Nun aber müsst ihr ihm vergeben und ihn trösten, „damit der Betreffende nicht in übermäßiger Traurigkeit versinkt. Darum ermahne ich euch, Liebe gegen ihn walten zu lassen.“ Und dann fährt er fort und sagt in Vers 11: Wenn ihr das nicht tut, werdet ihr von dem Satan übervorteilt, „seine Absichten sind uns nämlich nicht unbekannt.“ Und eine dieser seiner Machenschaften besteht darin, in uns einen bitteren Geist und ein unversöhnliches Herz zu erzeugen.

Darum müssen wir alle lernen zu vergeben, weil wir alle Vergebung brauchen und weil Gott uns vergeben hat. Zu vergeben ist das Beste, was ein Mensch tun kann. Und es ist auch das Beste, was Gott tun kann, weil es ein Ausdruck seines liebevollen Wesens ist.

Der Abschnitt ab Vers 21 bildet also einen Übergang zum Thema Vergebung. Und weil dieses Thema sehr wichtig ist, werde ich mir diese und kommende Woche dafür Zeit nehmen. Vielleicht kommt sogar noch eine dritte Woche dazu, denn ich habe euch aus dem Text heraus eine Menge Dinge zu sagen. Und das ist eines der Probleme, wenn man einen Abschnitt noch nie zuvor gelehrt hat: Man weiß nicht genau, was der Herr dabei tun wird. Zuerst gebe ich euch jedoch einen Überblick.

Da wäre zunächst in Vers 21 Petrus` Frage nach der Vergebung. Nach allem, was Jesus über Disziplin gesagt hatte und wie wir mit Sündern umgehen, sie zurechtweisen und wieder aufrichten sollen, fragt Petrus ihn: „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, der gegen mich sündigt?“

Das ist eine wirklich kluge Frage, die darin wurzelt, dass Petrus die Neigung der Menschen kennt, weil er sich selber kennt. Und er weiß, wie oft er selbst Vergebung braucht. Außerdem stellt er diese Frage aus seinem jüdischen Hintergrund heraus, wo es bestimmte strenge Regeln in Bezug auf Vergebung gab. Er nimmt also an, dass jemand sündigte und wieder aufgenommen wurde, dann jedoch gleich wieder loszieht und weiter sündigt. Und seine Frage an den Herrn ist: „Wie oft sollen wir ihm denn so etwas vergeben?“

Ihm war bewusst, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, unser Leben komplett umzukrempeln und nicht mehr zu sündigen. Und so wusste er, dass man zwar diese eine Sache korrigieren können würde, es aber später wieder passieren könnte, oder etwas Ähnliches. Und dann wäre man gezwungen, diesem Menschen immer wieder zu vergeben. Wie oft sollte man das tun?

Beachte den Satz „Da trat Petrus zu ihm“. Sie sitzen gerade zusammen im Haus von Kapernaum, wo unser Herr mit dem kleinen Kind in seinen Armen lehrte. Wir wissen nicht, ob zwischen der vorigen Lehre des Herrn und dieser eine kurze Pause war. Aber Petrus brennt eine Frage unter den Nägeln und er tritt ganz nah an Jesus heran.

Wir müssen Petrus für viele Sachen echt dankbar sein. Eine davon ist, dass er Fragen gestellt hat. Gott segne Leute, die Fragen stellen, denn wer die richtigen Leute fragt, kriegt eine Antwort. Und manchmal sind alle die Nutznießer dieser Antwort. Petrus war der Fragensteller unter den Jüngern. Seine schnelle Zunge und sein neugieriger Geist brachten ihn zwar manchmal in Schwierigkeiten, aber andererseits hat er so dem Herrn viele tiefgründige Lehren entlockt. Einfach nur, weil er Fragen gestellt hat.

Petrus hatte also zugehört, was Jesus über die Züchtigung gesagt hatte. Und nun fragt er weiter: „Schau mal, Herr, nehmen wir an, wir gehen diesem Mann nach, bringen ihn zurück, stellen ihn wieder her und gewinnen sogar unseren Bruder zurück. Wie oft tun wir das, wenn er wieder sündigt oder dieselbe Sünde begeht? Hat unsere Vergebungsbereitschaft eine Grenze?“ Das ist die zentrale Frage des ganzen Textes. Hat Vergebung Grenzen?

Sagt man irgendwann zu jemandem: „Hör mal, jetzt bist du wirklich zu weit gegangen. Es gibt Dinge, die ich vergeben kann, und andere, die ich nicht vergeben kann.“ Oder: „Ich habe dir das schon fünf Mal vergeben. Das wa’s. Du hast die Grenze überschritten.“ Das ist es, was Petrus hier wirklich fragt. Und beachte seine Formulierung: „Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, der gegen mich sündigt?“ Das „gegen mich“ bedeutet nicht unbedingt, dass die Sünde direkt gegen ihn gerichtet war. Es meint nicht direkt im physischen Sinne, dass die Sünde sein Leben persönlich, absichtlich und direkt berührt hat. Sondern er meint damit, dass die Sünde entweder direkt oder indirekt gegen ihn gerichtet war.

Wir hatten schon davon gesprochen, dass sich jede Sünde innerhalb der Gemeinde auf die ganze Gemeinde auswirkt. Aber mit seinem „gegen mich“ bezieht Petrus dich in eine Situation mit ein, wo dir selbst Vergebungsbereitschaft fehlt. Du verspürst Schmerz über eine Verletzung und möchtest eigentlich nur noch sagen: „Mir reicht’s. Das vergebe ich dir jetzt nicht mehr.“ Tatsächlich habe ich schon Leute sagen hören: „Ich werde dieser Person niemals vergeben, was sie mir angetan hat.“

Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich von jemandem angegriffen und wüst beschimpft. Dieser Mann dient bei uns und ihr würdet ihn kennen, wenn ich seinen Namen nennen würde. Er beleidigte mich mit allen möglichen Schimpfwörtern, weil ihm etwas an mir nicht gefällt. Und deshalb hegt er seit fünf Jahren Rachegefühle gegen mich in seinem Herzen. Das Problem ist nun nicht, ob er mit dem, was ihm nicht gefällt, Recht oder Unrecht hat. Das Problem ist seine Wut, seine Verbitterung und seine Unversöhnlichkeit. Er sagte zu mir: „Ich werde nie vergessen, was du gesagt hast.“ Das ist genau das Gegenteil sowohl von dem, was dem Menschen eine Ehre ist, als auch vom Herzen Gottes.

Und so fragt Petrus: „Schau mal, wenn die Sünde nun gegen mich geht und mir so nahe geht, dass ich auf menschlicher Ebene guten Grund hätte, eine Haltung der Unversöhnlichkeit beizubehalten, wie oft soll ich ihm dann vergeben? Bis sieben Mal?“ Er erwartet, dass der Herr ihn für seine Großzügigkeit lobt. Denn den meisten Menschen fällt es schon schwer, auch nur ein einziges Mal zu vergeben.

Ludwig XII. sagte einmal: „Nichts riecht so süß wie die Leiche deines Feindes.“ Das drückt wahrscheinlich sehr treffend aus, wie die meisten Menschen empfinden. Vergebung ist der menschlichen Natur fremd. Darum sind wir alle schockiert über Jesu Reaktion am Kreuz, während er stirbt und die Menschen ihn anspucken. Sie hatten ihm eine Dornenkrone aufgesetzt und Nägel durch seine Glieder geschlagen. Und nun hängt er nackt vor den Augen der ganzen Welt, nur Fliegen und Blut bilden seinen Mantel. Und er schaut nach unten zu ihnen und sagt: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Aus demselben Grund sind wir auch in Apostelgeschichte 7,60 schockiert, wo Stephanus gesteinigt und unter den blutigen Steinen zerquetscht wird. Auch er schaut nach oben und betet: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Ich glaube, dass dieses tiefe Zeugnis des Stephanus vor allem einen beeindruckt hat, der zufällig da war und die Mäntel der Steiniger hielt. Und das war Saulus.

So wie Christus und wie Stephanus soll auch Gottes Volk sein, besonders gegenüber seinen Mitchristen. Wir sollen niemandem etwas übel nehmen, der gegen uns sündigte, egal wie sehr er uns Unrecht getan hat und egal wie sehr wir davon persönlich betroffen sind.

Denn letztlich ist es Gott, dem Unrecht getan wurde. Heute Morgen las ich Psalm 51 vor, wo David sagte: „An dir allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen“. David schreit zu Gott, gegen den er gesündigt hat. Und was empfindet Gott gegenüber David? Vergebung. Und auch du hast gegen Gott gesündigt. Jede Sünde, die du jemals in deinem ganzen Leben begangen hast, war eine Sünde gegen Gott. Es ist sogar so, als ob du aus reinem Trotz mitten im Himmel in seine heilige Gegenwart getreten wärst und die Sünde direkt vor seinem Thron vor seinem Angesicht begangen hättest. Und er hat dir vergeben.

Glaubst du denn, du wärst besser als Gott, dass du nicht vergibst, was er vergibt? Dabei kennst du ja nicht einmal das ganze Ausmaß der Sünde. Und das hat zwei Gründe. Erstens bist du nicht allwissend, und zweitens bist du nicht so heilig, dass du die völlige Sündhaftigkeit der Sünde verstehen könntest. Darum glaubte auch Petrus, sein Angebot, siebenmal zu vergeben, sei unglaublich großzügig.

Das führt uns von der Frage nach der Vergebung als solcher hin zum Umfang der Vergebung. Jesus antwortet ihm: „Ich sage dir: Nicht bis sieben Mal, sondern bis siebzigmalsieben Mal!“ Petrus dachte, mit seinen sieben Mal sei er schon sehr großzügig. Denn nach jüdischer Tradition vergibt man jemandem dreimal. Das ist die Obergrenze.

Und das ist verständlich, weil es in Amos 1,3 heißt: „So spricht der Herr: Wegen drei und wegen vier Übertretungen von Damaskus werde ich es nicht abwenden“. Und in Vers 6: „So spricht der Herr: Wegen drei und wegen vier Übertretungen von Gaza werde ich es nicht abwenden“. Und in Vers 9: „So spricht der Herr: Wegen drei und wegen vier Übertretungen von Tyrus werde ich es nicht abwenden“. Und in Vers 11: „So spricht der Herr: Wegen drei und wegen vier Übertretungen Edoms werde ich es nicht abwenden“. Und zu guter Letzt in Vers 13: „So spricht der Herr: Wegen drei und wegen vier Übertretungen der Ammoniter werde ich es nicht abwenden“.

Eine ähnliche Aussage findet sich auch noch in Hiob 33,29. Daraus schlossen die Juden, dass einem dreimal vergeben werden könne und wenn man es zum vierten Mal tat, würde man von Gottes göttlichem Gericht getroffen. Sie glauben, weil Gottes Vergebung mit drei Mal ihr volles Maß erreicht hätte, wäre es gerechtfertigt, wenn wir unsere Vergebung ebenfalls auf drei Mal begrenzen würden. Denn weil der Mensch nicht über Gott hinausgehen könne, sei nach drei Mal Schluss. Doch natürlich interpretieren sie damit diese Passage falsch.

Das führte dazu, dass jemand wie Rabbi Joseph ben Hanina schrieb: „Wer seinen Nächsten um Vergebung bittet, darf dies nicht mehr als dreimal tun.“ Oder Rabbi Joseph ben Jehuda, der sagte: „Wenn ein Mann einmal eine Übertretung begeht, vergib ihm. Wenn er zum zweiten Mal eine Übertretung begeht, vergib ihm. Wenn er zum dritten Mal eine Übertretung begeht, vergib ihm. Beim vierten Mal vergib ihm nicht.“

So ging Petrus mit seinen sieben Mal weit über seine eigene Tradition hinaus und fühlte sich überaus großzügig. Wahrscheinlich glaubte er, dass er dafür gelobt werden würde, und hatte ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. Zu seinen Gunsten möchte ich jedoch hinzufügen, dass seine drei Jahre mit Jesus ohne jeden Zweifel einen gewissen Einfluss auf ihn gehabt hatten. Er hatte den barmherzigen, großzügigen, gnädigen, gütigen und vergebenden Geist Jesu übernommen. Und deshalb war er sich sicher, dass Jesus weit über die Tradition seines eigenen Volkes hinausgehen würde, mindestens doppelt so oft und dann noch einmal. Er hatte erkannt, dass Jesus sicherlich auf eine Weise lieben und vergeben würde, die über die engen Grenzen des Judentums hinausging. In diesem Sinne war er den Männern seines eigenen Volkes weit voraus, und der Herr war dabei, ihn noch weiter zu führen, damit er vollständig verstehen würde, was Gnade sei.

Darum sagte der Herr in Vers 22: „Siebzigmalsieben Mal.“ Das verschlug Petrus im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache. Es ging so weit über seine eigene Vorstellung von Großzügigkeit hinaus, aus der heraus er „siebenmal“ gesagt hatte. Die von Jesus genannte Zahl war so groß, dass man buchstäblich den Überblick verlieren würde. Denn es ist unmöglich, 490 Male zu zählen.

Darum ist diese Zahl auch nicht verbindlich gemeint. Jesus fordert nicht auf, Buch zu führen und beim 491. Mal zu sagen: „Das war’s. Jetzt ist Schluss.“ Sondern er greift einfach Petrus` Zahl auf und spielt ein bisschen mit ihr. Er multipliziert sie mit zehn und dann noch einmal mit sieben. Damit drückt er aus, dass es unbegrenzt geschehen soll.

Es gibt eine interessanten Parallele in 1. Mose 4,24, wo es darum geht, dass Lamech „siebenundsiebzigfach“ gerächt wird. Im Vergleich dazu sagt der Herr, dass Vergebung siebzigmalsieben Mal gewährt werden soll. Was auch immer also die Grundlage für legitime Rache sein mag, die Grundlage für gnädige Vergebung ist unendlich viel größer.

Eine andere Stelle, wo unser Herr unbegrenzte Vergebung fordert, verblüfft uns noch mehr.

In Lukas 17 greift Lukas dasselbe Thema auf, beginnend in Vers 3: „Habt acht auf euch selbst! Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, so weise ihn zurecht: und wenn es ihn reut, so vergibt ihm.“ Mit anderen Worten: Wenn er Buße tut, vergib ihm von ganzem Herzen. „Und wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigte und siebenmal am Tag wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben.“ Wieder spielt er mit derselben Zahl.

Und wenn wir Lukas mit Matthäus kombinieren, kommt dabei heraus: Wenn der andere siebenmal am Tag sündigt, soll ich ihm siebzigmalsieben Mal vergeben. Es ist also einfach eine Übertreibung und der Punkt ist, dass Vergebung keine Grenzen hat. John Wesley fragte einmal: „Wenn das das Christentum ist, wo sind dann die Christen?“ Das ist eine berechtigte Frage. Es gibt keine Begrenzung für Vergebung.

Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, weil es in Jakobus 2,13 heißt: „Denn das Gericht wird unbarmherzig ergehen über den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“. Verstehst du? Wer keine Barmherzigkeit gezeigt hat, der wird von Gott ohne Barmherzigkeit gerichtet werden. Das ist eine überaus wichtige Wahrheit. Wir sind dazu aufgerufen, barmherzig zu sein.

Erinnerst du dich an die wunderbare Seligpreisung in Matthäus 5,7? „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Darauf werde ich gleich noch näher eingehen. Bisher halten wir fest: Der Umfang der Vergebung ist unendlich und grenzenlos. Einem Menschen sollte vergeben werden, selbst wenn es 490 Mal am Tag wäre. Stell also deine Rache, deinen Zorn, deine Bitterkeit und Unversöhnlichkeit nicht zur Schau als ob es eine Tugend wäre. Es ist nämlich das genaue Gegenteil einer Tugend. Es ist nicht das, was dem Menschen eine Ehre ist. Auch hat es nichts mit dem Herzen eines Menschen zu tun, der den Geist Gottes in sich hat.

Wir kamen also von der Frage nach der Vergebung zu Jesu Aussage über den Umfang der Vergebung. Und nun möchte ich kurz über die Auswirkung der Vergebung sprechen. Dazu bitte ich euch, zu Matthäus 6 zu gehen.

Wir sind dazu aufgerufen, zu vergeben, und ich werde euch mehrere Gründe dafür nennen, die wir bereits in unserer Studie über dieses Gebet der Jünger angesprochen haben. Zunächst einmal sagt Epheser 4,32, dass wir dazu aufgerufen sind, zu vergeben, weil Christus uns ein Beispiel gegeben hat. Gott hat uns in Christus vergeben, deshalb sollen auch wir einander vergeben.

Zweitens sind wir dazu aufgerufen, zu vergeben, weil es das Beste ist, was ein Mensch tun kann. Das konnten wir in Sprüche 19,11 sehen. Drittens sind wir dazu aufgerufen, zu vergeben, weil es zum Charakter eines Heiligen gehört, das zu tun. Es ist eine der christlichen Tugenden. Viertens sind wir dazu aufgerufen, zu vergeben, um unser Gewissen von der bitteren Wurzel zu befreien, von der in Hebräer die Rede ist.

Fünftens sollen wir vergeben, um uns von Satan zu befreien. In 2. Korinther 2 steht, dass er uns übervorteilen wird, wenn wir das nicht tun. Und sechstens sollen wir vergeben, um uns von der göttlichen Züchtigung zu befreien. Es ist sehr wichtig, dass du das alles verstehst.

Wir müssen vergeben, weil Christus unser Vorbild ist. Wir müssen vergeben, weil es uns eine Ehre ist. Wir müssen vergeben, weil das dem Charakter der Heiligen entspricht. Wir müssen vergeben, weil das unser Gewissen von der Wurzel der Bitterkeit befreit. Wir müssen vergeben, weil uns das vor Satans Überlegenheit bewahrt. Wir müssen vergeben, weil es uns von der Züchtigung Gottes befreit. Und noch etwas: Wir müssen vergeben, sonst wird uns nicht vergeben. Hast du das verstanden? Wir müssen vergeben, sonst wird uns selbst nicht vergeben.

Jakobus 2,13 sagt dazu: „Wer keine Barmherzigkeit zeigt, wird auch keine erfahren.“ Oder schau dir Matthäus 6,12 an. „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.“ Und dann steht dazu in Vers 14: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ In Bezug auf Vergebung ist es sehr wichtig, zu verstehen, dass dir selber nicht vergeben wird, wenn du nicht vergibst.

Vielleicht fragst du dich, ob das auch für Christen gilt? Ja, das tut es, denn es handelt sich hier um das Gebet eines Gläubigen. Als Ungläubiger kannst du dieses Gebet nicht beten, weil du die Anrede „Unser Vater“ in Vers 9 nicht verwenden kannst. Nun fragst du dich, inwiefern ein Christ denn unvergebene Sünden haben kann? Es ist so, dass zwei Dinge passieren, wenn du als Christ jemandem nicht vergibst: Erstens wirst du nicht erfahren, wie sich die Vergebung Gottes auswirken würde in Bezug auf Gemeinschaft, Freude und alles andere, das zwischen dir und dem Herrn stattfinden sollte. Zweitens wirst du stattdessen seine Züchtigung erfahren. Denn wenn es eine offene Sünde gibt, die Gott dir noch nicht wie ein Vater vergeben hat, wird er bestimmte Züchtigungen in deinem Leben wirken lassen, um diesen ungeläuterten Bereich zu läutern.

Einerseits wird also deine mangelnde Vergebungsbereitschaft verhindern, dass du die volle Freude deiner Erlösung erlebst. Und andererseits wirst du göttlichen Druck und Züchtigung erfahren. Darum schau dir dein Leben an. Sagst du, wenn du dein Leben betrachtest: „Ich sehe weder die Freude, die ich in meinem Leben sehen sollte, noch bin ich geistlich so erfüllt, wie ich sein sollte. Es kommt mir nicht so vor, als ob ich die Kraft Gottes in meinem Leben hätte. Und außerdem scheint es, als würde ich ständig gezüchtigt werden. Ich kämpfe ständig mit allen möglichen Ärgernissen in meinem Leben.“ Vielleicht hast du bei dieser Überprüfung deines Lebens keine moralischen Sünden gefunden.

Dann solltest du zurückgehen und herausfinden, ob es nicht doch in deinem Herzen etwas gibt, das du einem anderen nie vergeben hast. Vielleicht hegst du Groll oder bist bitter gegen ihn. Denn wenn du nicht vergeben kannst, wirst du niemals die Vergebung Gottes erfahren, und genau das ist es, was hier gesagt wird. Du wirst zwar, wenn du stirbst, in den Himmel kommen, weil deine Sünden in Christus rechtskräftig vergeben sind, aber du kannst die Fülle der Gemeinschaft nicht erfahren, weil du nicht vergeben willst.

Das ist übrigens keine isolierte Wahrheit, die nur hier verkündet wird. Sie kommt neben Jakobus 2,13 auch im Gebet der Jünger vor, dem sogenannten „Vater unser“. Und falls du immer noch nicht überzeugt bist, hör dir Markus 11,25 an: „Und wenn ihr dasteht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt. Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird auch euer Vater im Himmel eure Verfehlungen nicht vergeben.“ Es ist also eine sehr wichtige Wahrheit.

Eine Sache sollten wir in Matthäus 6,12 noch beachten. Dort steht: „Vergib uns unsere Schuld –“ und dann heißt es im Griechischen „– wie auch wir unseren Schuldigern vergeben haben.“ Die Zeitform ist hier sehr wichtig, weil sie unsere Vergebung vor Gottes Vergebung datiert. Gott vergibt uns, wie wir vergeben haben. Wenn wir dafür sorgen, zu vergeben, dann hält Gott den Kanal seiner eigenen gesegneten Vergebung offen.

Vielleicht fällt dir dazu 1. Johannes 1,9 ein: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.“ Das ist eine fortlaufende Angelegenheit. Das Leben eines Christen ist davon gekennzeichnet, dass er immer und immer wieder seine Sünden bekennt. Und Gott vergibt und reinigt uns ebenfalls immer wieder, aber nur, wenn wir anderen vergeben. Wenn wir das nicht tun, baut sich eine Mauer auf.

Oswald Sanders sagte einmal: „Jesus geht mit uns so um, wie wir mit anderen umgehen. Er misst uns mit dem Maßstab, den wir bei anderen anwenden.“ Das Gebet lautet daher nicht: „Vergib uns, weil wir anderen vergeben“, sondern „Vergib uns, so wie wir anderen vergeben haben“. Unsere Vergebung bildet die Grundlage dafür, dass uns vergeben wird.

Die Auswirkung von Vergebung ist also, dass Gott dir vergibt, wenn du anderen vergibst. Und dann kannst du die Fülle der Gemeinschaft erleben und begibst dich vom Bereich der Züchtigung in den Bereich des Segens.

Übrigens ist bei der Aussage „vergib uns unsere Schulden“ mit „Schulden“ die geistliche Schuld gemeint. Das sehen wir in Vers 14, wo mit dem Begriff „Verfehlungen“ der Zusammenhang zu Sünde hergestellt wird. Du kannst also den Begriff „Schulden“ mit „Verfehlungen“ gleichsetzen. In der anderen Aufzeichnung dieses Gebets in Lukas 11 kommt das Wort „Sünden“ vor. Es geht also um unsere Sünden, die wir buchstäblich wegwerfen sollen. Genau das bedeutet das Verb. Wir sollen die Sünden anderer gegen uns wegwerfen, damit unsere ebenso weggeworfen werden.

Nun gehen wir zurück zu Matthäus 5,7. Dort heißt es: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ Das ist genau dasselbe Prinzip. Wenn du für deine Sünde Barmherzigkeit vom Herrn willst, dann solltest du anderen Menschen Barmherzigkeit erweisen. Man könnte es auch kurz und prägnant so ausdrücken: Du bist Gott sehr ähnlich, wenn du vergibst. Willst du wie Gott sein? Jeder von uns sagt doch: „Ich möchte gottesfürchtig sein.“ Und Gottesfurcht besteht nicht vorwiegend darin, tausend Verse auswendig zu lernen, sondern eher darin, zu vergeben. Denn natürlich sollte das Auswendiglernen Früchte tragen. Gottesfurcht oder Frömmigkeit bedeutet zu vergeben, und wenn du das tust, bist du Gott sehr ähnlich und wahrhaft geistlich.

Dass die Barmherzigen „glückselig“ sind, weil sie „Barmherzigkeit erlangen“ werden, betrifft die Gläubigen. Denn die Menschen im Reich Gottes sind barmherzig, weil sie selber Barmherzigkeit erfahren haben. Wenn du also nicht barmherzig bist, widersprichst du damit deiner eigenen Natur und kämpfst gegen das, was du in Christus bist. Dir wurde vergeben. Und weil du Vergebung verstehst, wirst du selber zu jemandem, der vergibt. Aber es kann sein, dass du in deinem Leben als Christ in eine Phase des Ungehorsams gerätst, in der du anderen nicht vergibst. Doch damit verletzt du den grundlegenden Beweis deiner Erlösung.

Wenn du also einen Christen suchst, dann schau nach jemandem, der weiß, wie man vergibt, weil ihm vergeben wurde. Jemand, der wahre Vergebung seiner Sünden durch Gott erfahren hat, ist zerbrochen. Diese Erfahrung gibt ihm ein Herz, das anderen vergibt. Wenn du wirklich Christ bist und dir wirklich vergeben wurde, dann verstehst du Vergebung. Und wenn du sie überhaupt nicht verstehst, dann ist es sowieso fraglich, ob du sie selber jemals Vergebung wirklich erfahren hast.

Ich möchte dir in Matthäus 5 noch eine andere Stelle zeigen, nämlich Vers 21, wo Jesus sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist“. Mit anderen Worten sagt er zu den Juden: „Das ist eure Tradition.“ Dieser kleine Satz „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist“ wiederholt sich mehrmals in diesem Kapitel und zeigt jüdische Traditionen auf. In Vers 21 sagt die Überlieferung: „Du sollst nicht töten, wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein.“

Anders ausgedrückt meint das im Grunde genommen nur: „Töte niemanden, weil du sonst ins Gefängnis kommen könntest.“ Das ist sehr oberflächlich: „töte niemanden, weil du sonst Gefahr läufst, ins Gefängnis zu kommen“. Hier geht es nicht um Moral, sondern nur darum, sicherzustellen, dass du nicht ins Gefängnis kommst. Das ist der Grund, niemanden zu töten.

Doch Jesus spricht weiter: „Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, der wird dem Hohen Rat verfallen sein.“ „Raka!“ ist ein unübersetzbarer Ausdruck für bösartige Wortwahl. So in der Art von „Du hirnverbrannter Idiot“. Das ist mehr als nur eine Geste; es ist eine Bemerkung, die vor Gift nur so trieft. Wenn du das sagst, „wirst du dem Hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: Du Narr Mōros — das ist eine spöttische, beleidigende Bezeichnung für einen Idioten — der wird dem höllischen Feuer verfallen sein.“ Und weiter heißt es: „Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe!“

Warum ist das so wichtig? Weil du sonst nicht wissen wirst, was Anbetung ist. Denn solange du nicht diese Haltung zur Vergebung entwickelt hast, kannst du nicht mit Gott kommunizieren und Gemeinschaft mit ihm haben. Zuerst kommt die Versöhnung, dann die Anbetung. Erst vergeben wir, dann wird uns vergeben. Deshalb bist du dazu aufgerufen, dein eigenes Leben zu prüfen: Bist du wie Gott? Ist dein Herz bereit zu vergeben? Wir alle werden direkt oder indirekt ungerecht behandelt. Ist dein Herz frei, zu vergeben, egal wie nah dir das Unrecht geht oder wie tief es dich verletzt?

Was mich persönlich angeht, tut es mir am meisten weh, wenn Menschen schlecht über mich reden und meinen Ruf zerstören wollen. Ich höre Dinge über mich, die einfach unglaublich sind und angeblich wahr sein sollen. Was mich am tiefsten verletzt ist Kritik, die jeglicher Grundlage entbehrt; aber auch falsche Anschuldigungen und Vorwürfe. Diese Dinge werden für mich zur Prüfung, ob mein Herz bereit ist, zu vergeben.

Deshalb habe ich Gott gebeten, mir Gnade zu schenken, dass ich vergeben kann. Ich möchte Groll oder Bitterkeit nicht einmal fünf Sekunden lang in mir tragen. Deshalb bin ich begierig, sobald ich so etwas höre, folgendes Gebet zu sprechen: „Oh Gott, gib mir ein vergebendes Herz, damit ich in voller Gemeinschaft und Freude mit dir kommunizieren kann und nicht die Züchtigung erlebe, die kommt, wenn du mir nicht vergibst. Und möge ich bei jedem, der gegen mich sündigt, daran denken, dass ich um ein Vielfaches mehr gegen dich gesündigt habe. Dabei hast du mir immer vergeben, so dass mich meine Sünde zu keinem Zeitpunkt mein ewiges Leben gekostet hat. Deshalb sollte auch die Sünde anderer nicht meine Liebe und Barmherzigkeit ihnen gegenüber kosten.“

Und wenn ich so gebetet habe, bemühe ich mich darum, die Gemeinschaft wiederherzustellen, damit ich Freude haben kann. Und anschließend gebe ich dieser Person etwas sehr Wertvolles zurück, nämlich dass ich mich selbst wieder ihrer Obhut anvertraue. Das zeigt, dass mein Herz wirklich vergebungsbereit ist. Lasst uns beten.

Unser Vater, wir danken dir, dass wir heute Morgen unsere Herzen wieder der kraftvollen Wahrheit in deinem Wort aussetzen konnten. Wir alle brauchen Vergebung. Wir brauchen Vergebung, damit uns zuhause unsere Frauen, Ehemänner und Kinder vergeben. Wir brauchen Vergebung, dass uns die Menschen vergeben, mit denen wir jeden Tag zusammenarbeiten. Wir brauchen Vergebung, dass uns die Menschen in unseren Hauskreisen und unserer Gemeinde vergeben, weil wir wie Kinder sind. Wir sind nicht perfekt. Wir sind schwach, unwissend, eigensinnig, in vielerlei Hinsicht undiszipliniert und neigen zum Ungehorsam.

Auch nachdem wir Christus angenommen haben, sündigen wir fortlaufend. Deshalb muss die Gemeinde eine vergebende Gemeinschaft sein, ein vergebendes Volk Gottes, das eifrig vergibt, damit es genauso eifrig die Vergebung Gottes empfangen kann. Herr, mögen wir diese volle, reiche und freudige Gemeinschaft erfahren. Mögen wir die Gnade erfahren, von der Züchtigung verschont zu bleiben, weil wir anderen vergeben haben.

Mögen wir unsere Erlösung zeigen, indem wir lebendige Beispiele dafür sein. Indem wir anderen Barmherzigkeit zeigen, weil wir Barmherzigkeit erfahren haben. Mögen wir für andere so sein, wie du für uns bist. Vater, mögen wir niemals zum Gottesdienst kommen, um dir eine Gabe zu bringen, während wir in unserem Herzen gegenüber unserem Bruder unversöhnlich sind. Mögen wir zuerst Vergebung suchen und dann zum Anbeten kommen. Und wenn wir den Weg der Züchtigung gegangen sind und wir einen Bruder gewonnen, ihm vergeben und die Gemeinschaft mit diesem Bruder oder dieser Schwester wiederhergestellt haben, und sie nochmal dieselbe Sünde gegen uns begehen, mögen wir ihnen wieder vergeben, und wieder, und wieder. Mögen wir grenzenlos vergeben, so wie du uns in deiner Gnade grenzenlos vergibst.

Unsere Vergebung soll keine Grenzen kennen, weil auch deine Vergebung keine Grenzen kennt. Dann werden wir wie Gott sein, indem wir seinem Ebenbild gleichgestaltet werden. Dann werden wir so leben, wie Jesus gelebt hat, der, als er geschmäht wurde, nicht wieder schmähte, sondern als er verspottet, gelästert und ermordet wurde sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ So wie Stephanus, als er unverdienterweise misshandelt, missbraucht und zu Tode gesteinigt wurde. Mögen wir wie er sagen: „Rechne ihnen diese Sünde nicht an!“

Gib uns ein Herz, das verzeiht, damit jede Wunde sofort heilt, jedes Hindernis sofort weg ist und jede Mauer sofort fällt. Dass wir nicht nur aggressiv Sünde anprangern und tadeln, sondern genauso offensiv vergebungsbereit sind. Danke für das, was du in uns und durch uns tun wirst, wenn wir dem gehorchen.

Ihr Lieben, während wir uns im Gebet neigen, betet auch ihr einen Moment lang still für euch selbst, dass Gott euch zu vergebungsbereiten Menschen macht. Denke an eine Person in deinem Herzen, bei der es dir schwerfällt zu vergeben. Sei wie Gott und vergib dieser Person. Sag einfach: Herr, ich vergebe ihm oder ihr, und nenne dem Herrn den Namen dieser Person.

Bekenne dem Herrn: Herr, vielleicht bin ich wegen meiner Unversöhnlichkeit in meinem Leben gezüchtigt worden und habe nie die Fülle deiner Vergebung erfahren. Wenn das wahr ist, bekenne ich diese Sünde. Zeige sie mir auf, damit sie vergeben werden kann. Und nachdem du in deinem Herzen mit Vergebung begonnen hast, geh zu deinem Bruder oder deiner Schwester und suche Versöhnung.

Vater, danke für das, was du auch heute noch durch dein Wort vollbringst. Diese Wahrheiten sind so wichtig. Mach uns zu einem vergebenden Volk, das keinen Groll hegt. Lass nicht zu, dass Wunden eitern, sondern fülle unsere Herzen mit Gnade und Barmherzigkeit durch den gnädigen, barmherzigen Geist, der in uns wohnt. Bitte gib, dass wir mehr als genug für alle haben, die uns beleidigen, damit wir 490 Mal am Tag vergeben können. Schenke uns, dass unsere Quelle, aus der wir vergeben, niemals trocken wird, weil wir erkennen, wie viel uns selbst vergeben wurde.

Danke für das, was du den Rest dieses Tages in unseren Herzen tun wirst. Bring uns heute Abend wieder zusammen und schenke uns die Sehnsucht nach der Offenbarung deines Wortes. Mach diesen Tag zu einem besonderen Tag. In Jesu Namen, Amen.

ENDE

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